Sing, Infernale, den Mann, der aus dem Geklüfte der Hölle

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Johann Gottfried Seume: Sing, Infernale, den Mann, der aus dem Geklüfte der Hölle Titel entspricht 1. Vers(1786)

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Sing, Infernale, den Mann, der aus dem Geklüfte der Hölle,
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Aus den Schwefelbezirken der Nacht, dämonisch empor stieg.
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Und, von dem Geist Adramelechs beseelt, mit blutiger Klugheit
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Einem der Fürsten zuerst das Kreuzige, Kreuzige! zurief.

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Als, verstoßen von Gott, der in ihm Verpestung der Erde
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Und des noch übrigen Glücks sah, kalt der Embryo dort lag
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In der Schöpfungen Stoff, nahm Satan das künftige Wesen,
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Es mit teuflischer Plastik zu formen zu seinem Geweihten,
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Und durch ihn zu schaffen das schneidende Gift der Akzise.
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Staaten entstanden und Staaten vergingen von Sclaven und Freyen,
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Rechts und links den Säulen Herkuls, und Nero verbrannte
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Zum Vergnügen die Stadt, und Phalaris warf in das Glühthier,
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Und der Gallische Carl schoß bey der blutigen Hochzeit;
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Und die Zöllner nannte die Sprache des heiligen Mythus
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Sündergesellen: doch keiner verstand das politische Sangwerk
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So in das Mark der Völker zu setzen, als er, der es wagte,
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Aus dem kleinsten Geäder des Lebens die Kräfte zu ziehen,
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Der in die Penetralen der leisesten Häuslichkeit eindrang,
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Und die Mächtigen speiste bis zu der Schwindsucht des Landes.
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Was der Staat bedarf, nicht was die Fürsten verschwelgen,
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Oder in eiserne Kasten verschließen, und nicht was das Hofheer,
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Goldbeblecht und ohne Seele mit Dumpfsinn vergeudet,
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Fordert des Städters Fleiß und fordert die Schweiße des Pflügers.
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Wenn uns der Künstler ein Werk von großer und herrlicher Wirkung
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Nur aus wenigen Rädern erbaut, verdienet er Beyfall:
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An den Staatsmaschinen wird alles unendlich vervielfacht,
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Daß kein schlichterer Sinn sich aus den Verwirrungen findet.
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Keiner vermochte das Labyrinth so dädalisch zu flechten,
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Als der Blutgeist der neuen Mauthe mit täglicher Schröpfung,
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Die so viel Säfte verzehrt und dabey so wenig Gewinn gibt.
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Keine der Taxen stempelt den Bürger sichrer zur Knechtschaft,
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Oder wecket ihn sichrer zur Wuth, den Dolchen entgegen!
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Schreckliches Alternativ für Völker und Völkerbeherrscher.

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Spürer lauern in Horden am Thor, und lauern am Heerweg,
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Daß der einsame Wandler dem Auge den Sack nicht verberge,
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In dem er auf morgen den hungrigen Kleinen die Handvoll
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Linsen und Erbsen zum Mittagsbrote verbothen zur Stadt trägt.
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Wächst an der Mauer ein Baum und trägt er erfrischende Früchte,
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Wage der Pflanzer es nicht, im Durste sich Labung zu brechen,
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Bey dem Zorne der Afterthemis wag' er die That nicht,
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Eh der Beschauer mit Molochsgesicht für sich decimirt hat.

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Jeder Bissen Brots und jede Erquickung von Gerste
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Wird in dem Egelsystem durch viele Instanzen verzinset;
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Jede Sandale, die der halbnackte Wandrer am Fuß trägt.
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Jedes Stadion kommt als Spion der lauschende Mauthner;
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Und der Strumpf der benachbarten Stadt wird doppelt bezahlet,
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Oder der Dörfer geht zitternd barfuß im Froste des Spätjahrs.
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Hier hat der Hüttner mit Disteln in seiner sparsamen Wirthschaft
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Für den künftigen Winter ein borstiges Thierchen gefüttert;
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Aber der Arme darf es nicht schlachten: er kann die Erlaubniß,
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Seines Schweißes Frucht zu genießen, mit Silber nicht lösen.
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Das heißt doch mit Gewinn die Tugend der Sparsamheit lehren;
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Daß der Kärrner nur Brot ißt, und von dem Brote noch abgibt.

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Heere von Lugern begucken das Leben mit hungriger Neugier
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Kraft ihres Amtes, und sehn nach dem Gewichte der Spende
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Rechts und links, und quälen mit Angst den Handelsgenossen,
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Oder betrügen den Staat; und ihre vollendeten Künstler
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Wissen beherzt das ein' und das andere klug zu verbinden.
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Und wer will sie verdammen? Sie müßten zum Anhange hungern.
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So legt man die Schell' an den Fuß, den Stock an den Daumen,
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Wie den Ring in die Nasen hyperboreischer Thiere,
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Füttert Harpyen des Landes, die Sitten und Ehre verderben,
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Und den offnen Charakter des deutschen Volkes zerstören,
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Daß ein nur ärmliches Scherflein des Staats Bedürfnissen komme.
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Was die Gesellschaft verlangt zu ihrem geheiligten Endzweck,
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Bleibet heilige Pflicht; und Murren und Argwohn begleiten
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Alles, was nur Betrug und Bedrückung zur Ordnung des Tags macht.
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Lange Verwünschung der Völker folget dem Manne zum Styx nach.
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Seinem Geburtsland, daß er das Krebsgeschwür uns herauf trug.
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Nein, nie werde sein Nahme genannt, in Dunkel begraben;
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Und spricht einer ihn aus, so seys mit Herostratus Nahmen.
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Unten sitz' er im Rathe bey Adramelech und Moloch,
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Theile die gräßliche Freude mit ihnen und ihre Verzweiflung;
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Und mit Hohngelächter bringe die Hölle dem Geiste
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Zu der Belohnung stinkendes Räuchwert

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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