Ich bin geboren

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Johann Gottfried Seume: Ich bin geboren Titel entspricht 1. Vers(1786)

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Ich bin geboren
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Laut meiner Mutter Sage,
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In einem Dorf unweit des Rheins,
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Am Sanct Egidytage.
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Man trug mich Wicht ins Gotteshaus,
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Und tauft' und trieb den Teufel aus;
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Doch hats nicht viel geholfen.

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So tief ich mich erinnern kann,
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Der Kappe kaum entwachsen;
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Fing ich mit Meister Backeln an
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Mich im Donat zu baxen,
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Und conjugierte, ach und weh,
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Rasch
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Mit vielen Circumflexen.

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Mein Vater, Pastor Loci, war
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Ein Mann trotz Martin Luthern;
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Hielt auf die Lehre rein und klar,
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Und lehrte fest mit Huttern;
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Und als ein echter Orthodox
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Ergriff er den Beweis des Stocks,
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Wenn die Vernunft mich plagte.

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Er fluchte oft gar fürchterlich
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Den Höllenspinozisten,
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Und lamentirte jämmerlich
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Ob dem Verfall der Christen;
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Daher er denn auch Jeremies
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Mich erste Frucht der Lenden hieß,
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In der Manier der Bibel.

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Mit einem Kober voll Latein
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Schickt' er mich fort ins Weite,
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Und band mir auf die Seele ein,
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Nicht laß zu seyn im Streite.
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Deß war ich denn nicht wenig froh,
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Und ging
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Mit Briefen auf die Schule.

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So ging es fort in Einem Fluß,
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Als ob ein Waldstrom rauschte.

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Hier wurd' uns denn Virgilius
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Gar fleißig eingetrichtert,
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Und auch wohl eins nach seinem Fuß,
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Gott sey bey uns, gedichtert;
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Doch war der Rector nicht dabey,
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So las ich Naso's Liebeley
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Statt der Metamorphosen.

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Der Plato wurde
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Mit Hebelkraft getrieben,
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Und mächtig manchem Peter Blax
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Mit Knoten eingerieben.
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Das war Rumoren spät und früh;
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Noch fühl' ich in den Fingern die
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Aphthonianschen Chrien.

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Auch gings von Kal bis Hithpael,
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Erlös' uns von dem Übel!
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Als preßten wir des Lebens Öhl
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Von Wurzeln aus der Bibel;
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Und über dem Entwurzeln sah,
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Vor lauter Weisheit, bald beynah
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Mein Kopf

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Ich konnte mit der Höllenfahrt
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Mich nicht recht baß vertragen;
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Auch fuhr mir manches in den Bart,
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Und klebte fest am Kragen:
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Darob gesegnete ich die
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Hochheilige Theologie
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Und schlug mich zu den Layen.

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Man weiß, die Leute baxten sich
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Von Kadix bis zum Rheine
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So eben damahls fürchterlich,
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Als wären Menschen Steine.
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Mein Vater war im Kriegstumult,
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Vor Kummer und vor Ungeduld,
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Gott tröst' ihn dort! gestorben.

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Nun sing mich Sanct Justinian
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Mit Kodex und Pandecten
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Nicht minder stark zu hudeln an,
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Und alle Seiten heckten
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Mir Zweifel über Zweifel aus:
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Drob ward mir oft das Hirn so kraus,
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Daß ich sehr schwer ergrimmte.

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Die Regel Detri hatte mich
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Gerechtigkeit gelehret,
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Und überüberall fand ich
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Das Ding nun umgekehret.
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Vorzüglich wars
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So mißgestalt und witsch und dumm,
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Als schrieben es die Mönche.

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Ich hatte leider dann und wann
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Ein Fünkchen Licht bekommen,
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Weil heimlich mich ein Engelsmann
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Scharf in die Cur genommen:
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Da sah ich denn gar jämmerlich,
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Wie Frau Justinianinn mich
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Mit ihren Zofen foppte.

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Zum Durchbruch kam nun die Vernunft;
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Ich zog das Maul, ich Gimpel,
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Sprach Conterband vor jeder Zunft;
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Da stank der Koth im Dimpel.
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Nun saß der Teufel in dem Nest;
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Schnell hieß es laut:

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Drauf lief ich, wie ein Don Quischott,
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Hinab hinan die Erde,
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Bald Kuhschritt und bald Hundetrott,
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Auf meines Schusters Pferde:
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Und hört' im Trabe links und rechts
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Des altbipedischen Geschlechts
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Gar schöne Litaneyen.

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Bald war ich Dorfschulmeisterlein,
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Bald Held für sieben Dreyer;
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Bald sang ich neue Melodeyn
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Zu einer alten Leyer;
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Bald blies ich Horen von dem Thurm,
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Bald war ich Bootsmann in dem Sturm,
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Bald Amsterdamer Böhnhas.

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Bald lief ich, und bald jagte man
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Mich mit dem Interdicte;
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Weil ich mich fast in jeden Plan
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Wie Stock ins Auge schickte.
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So wurd' ich immer fort geknufft.
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Gut ist er! sprach man; wenn der Schuft
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Nur nicht so räsonnirte.

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Vorzüglich sprach ich rund und keck
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Mit Narren und mit Schurken;
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Dafür bekam ich Mäusedr ...
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Statt Pfeffer in die Gurken.
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Ich sagte stets nur, Kahn sey Kahn,
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Und das fuhr manchem Dummrian,
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Mit Ehren, in die Nase.

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So lange mans mit Fäusten greift,
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Gehts immer noch erklecklich;
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Doch wenn man mit dem Kopfe läuft,
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Wird euch der Lauf gar schrecklich.
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Drum rath' ich, jeder brave Tropf
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Soll, so viel möglich, ohne Kopf
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Am Fädchen weiter schlendern.

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So lang' ich mich mit Prinz Eugen
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Und Friedrich tummeln konnte,
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Und närrisch mich gar wunderschön
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An ihren Lorbern sonnte;
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So lange gings wohl immer gut;
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Doch nach und nach gerinnt das Blut,
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Und morsch wird jeder Knochen.

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Man wird so sauber und so fein
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Nicht durch die Welt getragen.
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Hier wurd' ein Arm und dort ein Bein
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Mir in der Schlacht zerschlagen:
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Und hats der Feldscher gleich geflickt,
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Mit jedem großen Horne drückt
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Das Flickwerk mich verteufelt.

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Die Hand wird schwach, der Fuß wird Eis.
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Der Bart ist Schnee am Kropfe,
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Das Haar ist um den Schedel weiß,
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Der Schnupfen haust im Kopfe,
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Sonst neckt' ich kühnlich manchen Duns;
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Nun sitz' ich hier, Gott sey bey uns,
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Als Zöllner und als Sünder.

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Hätt' ich geglaubt und nie gedacht,
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Könnt' ich jetzt stattlich lungern,
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So weit hat mich Vernunft gebracht!
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Mit ihr kann man verhungern.
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Dafür, daß ich ihr Ritter war,
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Mach' ich nun hier mit grauem Haar
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Den Anhang der Akzise.

163
Noch wirft sich mir der Magen um,
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Wenn Paroxismen kommen,
165
Als hätt' ich ein Emeticum
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Nur eben eingenommen,
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Du sollst nicht stehlen! tönt es schwer
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Und mächtig hoch von oben her:
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Denn uns allein gebührt es!

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So bin am Ende von dem Ritt,
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Kraft meiner Amtsbekleidung,
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Ich denn ein Stück Israelit
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Akzise heißt Beschneidung.
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Kanonisirt man hier sofort
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Gleich den Erfinder, soll doch dort
176
Der Teufel ihn kasteyen.

177
Gott, straf mich nicht in deinem Grimm
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Für Sünden, die ich thue;
179
Der Magen ist ein Ungethüm;
180
Ich brauche Rock und Schuhe.
181
Es geht nach altem schlechten Fuß;
182
Ich sündige nur, was ich muß,
183
Und andern in die Seele.

184
Noch jetzo regt der Kitzel sich,
185
Und selber mit der Brille
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Auf meiner Pritsche halt' ich mich
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Noch nicht gehörig stille.
188
Noch gährt das alte Cerebrum,
189
Und meines Herzens Gaudium
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Sind Meister Rabners Bücher.

191
Doch werd' ich nach und nach mit kalt,
192
Und fertig abzutrollen,
193
Und seh vermuthlich jenseit bald,
194
Wie dort die Dinge rollen.
195
Herrscht aber dort, wie hier, die Noth,
196
So schieß' ich mich im Himmel todt;
197
Dann mag ein Schurke leben.

198
Ihr Kinder, nehmt für diese Welt
199
An mir euch ein Exempel;
200
Sonst werdet ihr wie ich geprellt.
201
Glaubt fest an Schlag und Stempel,
202
Wenn ihr das Glück des Lebens liebt,
203
Auch wenns Ephraimiten gibt;
204
Und hüthet euch vor Denken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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