Wer bauet uns die richtige Bussole

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Johann Gottfried Seume: Wer bauet uns die richtige Bussole Titel entspricht 1. Vers(1786)

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Wer bauet uns die richtige Bussole
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Für die Geschichten dieser Zeit?
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Der Gallier spricht von dem Kapitole,
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Und an der Newa stirbt der Pohle,
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Nachdem der König sich entweiht,
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Dem Despotie nur noch den Mantel leiht.

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Der König starb, verkündiget im Fluge
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Das tausendzüngige Gerücht.
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Das Monstrum nährt sich oft nur von Betruge,
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Verkündigt das Gerücht mit Fuge,
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Der König starb? Es ist Gedicht!
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Wie konnt' er das? Der König lebte nicht.

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Er hört nur auf zu essen und zu trinken,
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Und winkt nicht mehr dem Kämmerling,
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Der biegsam schnell auf das erlauchte Winken
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Den Sclaven, die zu Boden sinken,
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Das Frühstück zu befehlen ging:
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Wer so nur lebt, der ist ein todtes Ding.

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Steig an den Sarg des königlichen Todten,
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Durch ihn gefallne Nation,
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Und rufe laut und in den grellsten Noten,
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Da wo man einst dich feilgebothen,
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Ein heiliges Threnodion
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Um seine Gruft, und stirb am letzten Ton.

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Er trug sein Bild, es war an ihm das Beste,
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Einst durch des Welttheils Mummerey.
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Seht, sein Gesicht trägt noch die Überreste!
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Er war der Schönste bey dem Feste;
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Und in Versaillens Feerey
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Kam kein Narziß ihm, dem Sarmaten, bey.

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Sie kannt' ihn schnell in seiner ganzen Stärke,
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Die ihn mit einem Blick durchsah,
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Und nahm ihn fest zu ihrem Augenmerke,
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Macht' ihn zum Hauptstück ihrer Werke,
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Semiramis Ruthenia:
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Sie winkte nur, so stand der König da.

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Das Heilkraut stirbt in einem Wald von Lolche;
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Unglückliches, zerstörtes Reich!
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Zerrüttung grub an euerm Thron, wie Molche,
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Und fern und nahe blitzten Dolche,
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Sogleich bereit zum Stoß nach euch.
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Die Newa rauscht, stracks wird das Wahlfeld bleich.

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Ihr zittertet in Ohnmacht, ihr Despoten,
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Und stießt verbißne Wuth in Sand;
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Ihr bücktet euch, wie euch sich die Heloten,
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Wenn ihnen Stock und Geißel drohten;
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Der Sclave hat kein Vaterland:
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So schwurt ihr Treu in des Adonis Hand.

49
Der Nachbar sah, was er euch aufgedrungen:
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Er that mit Klugheit, was er that.
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Ihr kochtet Grimm, daß ihm der Streich gelungen;
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Doch Zwietracht zischte von den Zungen,
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Und Eigennutz saß in dem Rath,
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So nah ihr auch des Landes Parze saht.

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Hätt' euch nur jetzt noch Einigkeit verbunden!
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Selbst der entartete Piast
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Hätt' aus der Nacht, die euer Haupt umwunden,
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Vielleicht den Faden noch gefunden!
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Allein nur hassend und gehaßt
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Sank alles schnell im Druck der Riesenlast.

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Der König sprach in schönen leeren Reden,
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Und Nepotismus war sein Schwert:
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Und Pöbelgeitz und Schwindel spornte jeden,
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Den Geist der Nation zu tödten,
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Den man so lange schon entehrt.
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Ein solches Volk war dieses Königs werth.

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Hätt' ihn die Treu des Dieners nicht gerettet!
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Die Hand des Schicksals hätte doch
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Noch ein Mahl euch vielleicht noch losgekettet
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Mit seinem Tode, und ihr hättet,
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Sarmaten, euer fremdes Jochs
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Vom kühnen Hals gestürzt und lebtet noch.

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Das Glück schützt' ihn zum Unglück seines Landes:
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Und fester zog mit neuer Schmach,
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Als wäre man zertrümmerten Verstandes,
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Der Knoten des verhaßten Bandes,
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Bis der Orkan mit Schrecken brach:
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Und nun ward man, doch bald zum Tode, wach.

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Man kaufte die erbärmlichen Magnaten
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Mit Schmeicheley und Bändern ein:
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Für Mädchen und Batavische Ducaten
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Wurd' Ehre, Freund und Land verrathen;
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Und mancher gab, ein Sclav zu seyn,
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Sein schlechtes Wort für eine Flasche Wein.

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Mit Einigkeit, wie selten Fürsten zeigen
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Als ständ' es alles im Diplom,
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Harpunte man, und alles mußte schweigen.
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Wer will Cyklopennacken beugen;
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Denn ihre Red' ist Lavastrom!
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Man nahm und gab vom Schicksal den Prodrom.

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Der König weint. Die Thränen wären Ehre
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Hätt' er sie als ein Mann geweint.
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Ein König steht nur würdig vor dem Heere,
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Und wenn auch Tod die Antwort wäre,
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Spricht er nur dort mit seinem Feind,
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Was er gerecht und was er menschlich meint.

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Noch ein Mahl fuhr der Feuergeist der Väter
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In die erwachte Nation.
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Das Volk rief laut durch seine Stellvertreter,
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Und zeichnete die Missethäter
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Zum nahen längst verdienten Lohn,
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Und sprach berauscht dem Zorn der Feinde Hohn.

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Noch lächelte die Hoffnung, da der Riese
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Mit Stambuls Macht des Todes Spiel
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Um Schedel warf, als ob zum Paradiese
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Das neue Vaterland sich schließe:
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Der Riese stand und Stambul fiel;
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Und Pohlen that zu wenig und zu viel.

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Noch war es Zeit, die Pflichten zu bezahlen,
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Die längst der König schuldig blieb.
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Mit welchem Strich soll ich die Scene mahlen,
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Als ihn zu den Sardanapalen
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Des Vaterlandes Engel schrieb,
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Und weinete, daß er ihn von sich trieb?

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Der Sybarit hat endlich sich entschlossen,
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Und ziehet langsam in das Feld;
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Die Frauen, die vor ihm in Thränen flossen,
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Ziehn nach und halten den Genossen.
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Zwey Stadien, da steht der Held,
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Bis weinend er in ihre Arme fällt.

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Er eilt zurück auf seine Flaumenbetten:
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Hoch zürnend floh vor ihm der Fluß.
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Mag, wer nun will, das Vaterland erretten;
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Der König liegt in Weiberketten.
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Laut libellierte der Verdruß;
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Verachtung war nunmehr sein Morgengruß.

127
Das Gegentheil von Friederich, dem Brennen,
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Straft ihn des Irrthums der Sarmat.
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Verbrechen ists, hier deine Manen nennen,
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Die sich wie Licht vom Dunkel trennen.
131
Verzeihe, Geist von Wort und That,
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Du sprachst zu viel, als er den Platz betrat.

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Er war so schön, und drehte Antithesen;
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Sein Leben war nur Zeitvertreib.
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Es mögen die Gardinenrichter lesen,
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Ob er bey Weibern Mann gewesen;
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Bey Männern war er immer Weib.
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Nun setze dich, Geschichte, hin und schreib!

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Schreib, was er that! Er weinte wie ein Knabe,
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Und sollte handeln wie ein Mann;
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Der Adler ward des alten Reichs Rabe,
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Und sang die Nation zu Grabe,
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Die noch im Kampf auf Rettung sann:
144
So viel hat er, und das durch Nichts, gethan.

145
Die Nachwelt schreibt den Männern ihre Nahmen.
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Sie gibt den Edeln ihren Lohn,
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Die noch zuletzt zum heilgen Kampfe kamen,
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Faßt gleich ihr Bild kein goldner Rahmen.
149
Vor ihnen steht Kosciusko Phocion,
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Des Vaterlandes letzter Sohn.

151
Wer ein Mahl sinkt, wird immer tiefer sinken,
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Der Königsschatten wandert noch,
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Den Bodensatz der Hefen auszutrinken,
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Nach seines neuen Herrschers Winken,
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Bis an die Werkstatt zu dem Joch,
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Wo mancher Knecht sich zum Tyrannen kroch.

157
Im schönen Wort erstarben schöne Thaten,
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Und jeder Keim von Kraft verdarb.
159
Was half es euch, unglückliche Sarmaten,
160
Daß er sich in den fremden Staaten
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Den Ruhm der Zungenkunst erwarb?
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Jetzt weinet ihr, daß er nicht früher starb.

163
Hier sehet her, hier liegt euch ein Exempel,
164
Ihr Yvetoter Königlein!
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Ein solcher Schlag entsteht aus solchem Stempel,
166
Und wie der Gott ist, ist der Tempel:
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Nur Wunder macht aus Wasser Wein.
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Erst muß der Mann, dann mag der König seyn.

169
Begleitet ihn zum Styx, ihr seine Scharen,
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Die seine Schwachheit umgebracht;
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Er soll mit euch, die alle besser waren,
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Zu dem Gericht hinüber fahren:
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Und Sobiesky's Blick voll Nacht
174
Bring' ihm den Spruch, den dort der Richter macht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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