Wer wird der Menschheit noch ihr Heiligthum verbürgen?

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Johann Gottfried Seume: Wer wird der Menschheit noch ihr Heiligthum verbürgen? Titel entspricht 1. Vers(1786)

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Wer wird der Menschheit noch ihr Heiligthum verbürgen?
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Bey jedem Tritt ist Scorpion.
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Der hohe Wahnsinn schwelgt, wo die Hyänen würgen,
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Und spricht entsetzlich Hohn.

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Hier hält die Tyranney mit ihrer Eisenruthe
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Noch blutig alte Büttelzucht,
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Indeß geplündert dort ein Volk dem Aftergute
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Der Frevelfreyheit flucht.

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Ich las das große Buch, in welchem die Verbrecher
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Auf Marmor an dem Schandpfahl stehn:
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Auf jedem Blatte schlägt die Schuldigen ein Rächer
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Für irgend ein Vergebn.

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Noch trifft des Persers Hand, der Sclavenvater lächelt,
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Im Trunk den Knaben in das Herz;
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Und Sulla, wenn um ihn die Stadt Verwüstung röchelt,
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Schreibt Todesschrift zum Scherz.

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Man baut mit Riesenkraft am Celtenkapitole
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Und donnert von dem Tempel her;
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Und Molochsopfer glühn dem steigenden Idole
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Vom Meere bis ans Meer.

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Die alte Hyder zischt mit allen ihren Giften
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Den Neuling an, und Blitz und Dolch
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Schlägt; wo sie kämpfen flieht der Segen von den Triften
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Wächst Schierling nur und Lolch.

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Von jeder Alpe bricht der Tod aus Feuerschlinden,
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Und in dem Waldstrom rauschet Blut;
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Der Heerdenhüther blickt mit Angst aus Felsengründen
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Nach seiner Hütte Gluth;

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Sieht seinen Friedenshain von Äxten nieder stürzen,
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Sieht, wie das Roß die Saat zerstampft,
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Wie sich die Wüthenden zu der Zerstörung schürzen,
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Und wie die Gegend dampft;

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Sieht sprachlos auf, und bebt, und kalte Tropfen zittern
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Dem Bebenden die Stirn herab.
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Indeß sinkt unter der Verheerung Ungewittern
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Ein ganzer Gau ins Grab.

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Mit unverwandtem Blick und der Vergeltung Miene
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Spricht Nemesis ihr Flammenwort;
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Der milde Genius weint über der Ruine
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Und geht voll Wehmuth fort.

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Hat endlich schrecklich uns das Heer der Blasphemieen
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Dort vor dem Richter angeklagt,
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Daß nun die Geyerwuth der stygischen Harpyen
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Uns an der Seele nagt?

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Durch Leichen schreiten kalt, mit ihrer wilden Horde,
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Die Tilly und die Attila,
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Als wäre wieder nun mit ihrem alten Morde
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Die Zeit des Faustrechts da.

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Wir harreten noch jüngst, den Blick in Morgenröthe,
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Asträa, deiner Wiederkunft:
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Die Morgenröthe schwand, und auf der neuen Öde
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Bleibt kaum ein Strahl Vernunft.

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Mit Ruthen peitschte man, und nun mit Scorpionen.
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Der Areopagitenspruch
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Hielt seine Spenden aus für die in Hütten wohnen;
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Sprach Segen, und gibt Fluch.

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Was ist der Unterschied, wer Länder ausgesogen?
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Ob der Satrap, ob der Prälat?
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Ob Fürstenschwelgerey, ob freche Demagogen?
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Die That bleibt stets die That.

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Sonst fabelte der Mönch der Dummheit Heiligkeiten
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Mit breitem Wolkenangesicht,
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Wo mit dem Schild des Lichts jetzt grimm nach allen Seiten
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Der neue Schwindler spricht.

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Rühmt, wie ihr wollt, das Recht, die Freyheit und die Siege
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Der alten großen Tiberstadt,
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Wo Spartakus, der Knecht, vor allen in dem Kriege
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Die Ehrenrolle hat;

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Wo man den Bürger peitscht, vor dem Karthago zittert,
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Wo Kato Sclavenhandel treibt,
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Wo man mit Menschenfleisch zum Schmaus Muränen füttert,
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Die sich Lukull verschreibt.

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Der Himmel schütze mich und meine bessern Brüder
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Vor
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Erzeugt durch Unvernunft, ernährte sie die Hyder
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Von Andrer Sclaverey.

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Wenn hier der Celte Karl den orthodoxen Glauben
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Mit Dolchen von Bajonne lehrt,
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Dort Phalaris-Anton mit Morden und mit Rauben
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Die Vaterstadt verheert;

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Wenn Nero Rom verbrennt und Robespierre Bürgern
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Durch Mienen Todesurtheil spricht,
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Sie würgten alle kühn; wer war von allen Würgern
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Der größte Bösewicht?

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Vernunft, wann wirst du einst die wahre Freyheit setzen,
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Vor welcher Recht und Ordnung geht?
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Die kein Tribun, kein Fürst, kein Bonze zu verletzen
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Sich frevelnd untersteht?

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Erwärme du mein Herz, des Lebens Götterflamme,
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Die tief durch meine Seele glüht,
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Daß nicht mein Auge kalt rund um sich her verdamme,
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Wenn es die Gräuel sieht;

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Daß Kleinmuth nicht und Angst zuletzt mich niederziehen,
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Wenn höhnend Druck und Willkühr siegt,
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Wenn weit, weit aufgerollt, wohin die Blicke fliehen,
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Die Sündenmappe liegt.

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Bleib, Genius, damit uns nicht die Hoffnung schwinde,
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Die über der Ruine schwebt,
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Daß bald die Menschheit sich aus der Geburtsangst winde,
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In der sie jetzo bebt.

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Hilf du uns, Göttlicher, ihr Heiligthum bewahren,
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Das im Orkan sich fast verlor,
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Und trag' es herrlicher aus tödtlichen Gefahren
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Und heiliger empor.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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