Einsam stand ich und dachte die Menschen mähende Zeit durch

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Johann Gottfried Seume: Einsam stand ich und dachte die Menschen mähende Zeit durch Titel entspricht 1. Vers(1786)

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Einsam stand ich und dachte die Menschen mähende Zeit durch,
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Die ich am Laurenzstrom und an der Weichsel gelebt,
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Zählte der Stürme sehr viele, die meinen Nachen bedrohten;
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Halcyonischer Tag blickte dem Pilger nicht oft:
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Doch zuweilen, wenn ihm ein Stündchen mit Gleim und mit Weiße,
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Mit Freund Göschen am Berg, Hedwig und Oeser verstrich.
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Hedwig, der Gute, der Menschenfreund, der Christ in der Wahrheit,
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War gestorben; ihm half nicht Podalirius Gunst
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Einsam maß ich den Werth nun erst in seinem Verlust ganz;
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Und ein Bothe erschien, gab mir ein Blatt und verschwand:
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»oeser, auch Oeser ging hin ins Land, aus dem keiner zurückkehrt:
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Früh, ach zu früh war, obgleich lange gefürchtet, der Schlag.«
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Eine Thräne glühete mir an der heißeren Wimper
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Langsam steigend herauf, glitt dann die Wimper herab.
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Dort kommt wieder ein Zug zurück von dem Hügel des Kirchhofs;
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Mücke, der Redliche, starb: heiliges Wandels war er,
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Wie der Irdischen hier auf Erden nur wenige leben,
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Ohne Tadel als Mensch, Vater und Lehrer und Freund,
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Oeser, auch Oeser ging hin ins Land, aus dem keiner zurückkehrt;
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Früh, ach zu früh war, obgleich lange gefürchtet, der Schlag.
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Wie als Knabe vom Grabe des Vaters ich weinend empor sah,
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Seh' ich wehmuthsvoll, Oeser, von deinem empor.
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Wenige Jahre nur waren unserer frohen Verbindung,
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Liebenswürdiger Greis; mehrere Lustra ihr Werth.
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Ach, wie oft saß ich bey dir am runden vertraulichen Tische,
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Stümperte Griechisch dir vor, und du erzähltest zum Lohn,
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Und vergaßest im Scherz die Achtzig des silbernen Hauptes;
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Oder vergaßest sie nicht, ehrtest durch Freude sie mehr
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Durch die Erinnerung jung gabst du Geschenke der Vorzeit,
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Und zur Gegenwart hob sie das lakonische Wort;
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Monumente von Witz und Monumente von Bravheit,
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Von dem Marmor herab bis in die Hütte von Stroh.
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Schöner Gruppen voll war dir das große Gemählde des Lebens;
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Und zum Geistesgenuß mischten es Bettler und Fürst.
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Mögen andre den Künstler bewundern, der Geist in die Form schuf!
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Wahr, der Künstler war groß; aber ich liebte den Mann.
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Steh' ich einst vor seiner Auferstehung und hebe
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Mich mit magischer Kraft über die Wolken empor;
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Dann, dann denk' ich gerührt doch mehr noch zurück an die Stätte,
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Wo er mir väterlich rief; Bleib du nur heute bey mir!
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Und blickt zauberisch einst mir seine Sibylle von Endor,
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Denk' ich doch herzlicher noch an den unendlichen Gang,
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Der durch die alternde Burg zu seinem Sorgenlos führte,
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Wo er der Freuden so viel immer den Freunden erfand.
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Pflanzten auch Fürsten mit Pracht ein Denkmahl dem glühenden Mahler,
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Größer wär' es vielleicht, heiliger wär' es doch nicht,
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Als das Denkmahl, das ihm in vieler Seelen gebaut ist,
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Die nicht den Künstler allein, die auch den Menschen gekannt.
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Männer, Verklärter, wie du warst, sterben hinüber zum Leben;
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Denn ihr Wesen ist nicht Ephemeridengeschlechts.
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Deines Nahmens erwähnt noch dankbar der Enkel des Enkels,
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Wenn er den hohen Altar schauet im Gothischen Haus.
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Schlummre der Seligen Schlaf! du lebtest das Leben der Edeln;
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Denken werd' ich noch dein, färbt sich mein Schedel mit Schnee;
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Und die Hoffnung erhebt mich; Wenn mich der Bothe dahin ruft,
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Folgen mir Thränen wie dir, weinet der Freund in die Gruft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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