Ich sahe sie, wo Zollikofer dachte

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Johann Gottfried Seume: Ich sahe sie, wo Zollikofer dachte Titel entspricht 1. Vers(1786)

1
Ich sahe sie, wo Zollikofer dachte,
2
Und leise zog mein Herz ihr zu;
3
Doch wars, als ob in dem Verlust der Ruh
4
Mir neu gehaucht die Schöpfung schöner lachte.

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Sie sprach zu mir, da floß von ihren Lippen
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Der Seele süße Harmonie;
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So lieblich tönt, so magisch fließet sie
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Geweihten nicht herab von Aganippen.

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Ich stand verstummt; nur jede Saite bebte,
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Wenn sie die Harmonieen sprach,
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Mit Einklang in des Wesens Tiefe nach,
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Daß ich durch sie ein neues Leben lebte.

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Mein Auge hing mit Angst an ihrer Miene;
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Der Blick nur sprach, die Zunge schwieg,
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Bis kühn empor die stolze Hoffnung stieg,
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Daß ich vielleicht des Himmels Glück verdiene.

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Das Siegel brach; nun war mein Herz ihr offen;
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Mit schöner hoher Schwärmerey
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Gestand sie bald, daß sie gewonnen sey;
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Befahl mir selbst, das Herrlichste zu hoffen.

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Gerührt sank ich mit Dank zu ihren Füßen:
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Gerührt zog sie mich auf zu sich,
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Und taumelnd warf ich wonnetrunken mich
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Ihr um den Hals, und schwor mit Flammenküssen.

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Als wollte sie den ganzen Himmel leeren,
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Als wollte sie, so hielt sie mich,
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Den Trunknen, fest, hochglühend fest an sich,
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Mit einem Kuß die Ewigkeit verzehren.

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Sie schwor mir ernst und feyerlich die Treue.
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Ich rief voll Angst ihr: Schwöre nicht;
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Entsetzlich ists, wenn man die Schwüre bricht!
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Entsetzlich, ja; sprach sie, und schwor aufs neue.

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Von lieblichem bethörenden Geschwätze
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Troff nun beredt ihr Zaubermund,
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Als wäre wie Orion unser Bund,
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Und ewig fest, wie Gottes Weltgesetze.

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Wie Heiligthum mit Strahlenglanz umflossen,
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Sank sie voll Ruh mir in den Arm,
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Und sicher ward das Herz am Herzen warm;
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Der Tugend nur war dieser Bund geschlossen.

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Ich hing entzückt an allen ihren Reitzen,
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Als könnt' ich in der Sympathie,
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Wenn flüsternd sie sich wiegt' auf meinem Knie,
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Das Paradies zurück zur Erde geitzen.

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Sie rief mir zu, daß nur durch meine Liebe
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In ihrem Leben Leben sey;
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Und elend wärs und eine Wüsteney
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Wofern mein Herz nicht ihrem Herzen bliebe.

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Die hohe Fluth durchbrach mir fast den Busen
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Im Ungestüm der Seligkeit
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Empfindung ist stets Unaussprechlichkeit;
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Sie sagt selbst nie der Liebling aller Musen.

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Ich lebte wie vor Gott ein Auserkohrner
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In jenes Lebens Rosenlenz;
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Für sie nur fühlt' ich meine Existenz,
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Froh, froh wie einst der Schöpfung Erstgeborner.

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Gluth war die Schrift, die sie mir täglich schickte,
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Und jedes Wort ein Feuerzug
59
Der doppelt heiß in meine Seele schlug;
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Und Himmel war ihr Auge, wenn sie blickte.

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Ha, hätt' ich je im Traum nur freveln können,
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Da mir bey ihrem hohen Schwur
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Ein Wonnestrahl durch alle Sehnen fuhr,
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Es werde je die Flamme niederbrennen!

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Doch glänzten kaum mir hundert Morgenröthen,
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So rief sie mit der Stoa Ruh,
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Mit kaltem Ernst, zum Lebewohl mir zu:
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Geh' an den Pol zu deinen Samojeten!

69
Als wäre mir von Gottes Wolkenfunken
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Das Mark gedörrt, so stand ich da;
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Und als ich sie sich schnell entfernen sah,
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Als hätt' ich schon des Todes Kelch getrunken.

73
So stand ich da, mit Folter im Gesichte,
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Und glühend quoll mir Zorn und Schmerz,
75
Vom Augenlied herab wie siedend Erz:
76
Ein Sünder steht einst so am Weltgerichte.

77
Schon mancher Mond ist nun vorbey geflossen;
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Noch glüht mir täglich neu der Schmerz,
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Und wühlet tief, tief in das wunde Herz:
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Die Rechnung ist nun mit dem Glück geschlossen.

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Ich kann, ich will, ich werde nicht vergessen;
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Denn mein Gefühl ist Ewigkeit:
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Und sollte mir zu meiner Lebenszeit
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Der Himmel wie den Patriarchen messen.

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Verrätherinn, geh, opfre stolz der Mode,
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Und bey dem Opfer spotte mein;
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Mein Leben wird, soll deine Strafe seyn:
88
Das Schicksal straft vielleicht mit meinem Tode.

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Wie konnt' ich mich so knabenhaft verlieren?
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Ich Thor, ich hatte ja kein Gold.
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Mit Seckeln nur kauft man der Liebe Sold:
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Und man gewinnt nur sicher durch Summiren.

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Mag mich der Troß der Alltagswelt verkennen;
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Für Herz um Herz vermöcht' ich kühn
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Am Lebensjoch mit Kraft und Muth zu ziehn!
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Der Rest ist kaum mir werth, ihn nur zu nennen.

97
Mit Wehmuth füllt mich einsam der Gedanke,
98
Mit Wehmuth die Empfindung mich;
99
Und dieser Ton, so bebt es innerlich,
100
Verhallt selbst nicht dort vor der großen Schranke.

101
Ich darf und will als Mann nicht weibisch klagen:
102
Geh, Mädchen, du zerstörtest mir
103
Des Segens viel, und ich verzeihe dir.
104
Was ich jetzt war, kann einst der Greis nur sagen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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