Soll auch ich den Zauberkelch noch trinken?

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Johann Gottfried Seume: Soll auch ich den Zauberkelch noch trinken? Titel entspricht 1. Vers(1786)

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Soll auch ich den Zauberkelch noch trinken?
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Und vor Amors Pfeile niedersinken,
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Der die Könige zu Bettlern macht?
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Führet mich auch noch ein Rosenmädchen
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Links und rechts an einem seidnen Fädchen,
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Wenn sie zauberisch mir blickt und lacht?

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Neue Gluth durchströmet meine Adern,
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Heißer fühl' ich Hirn und Herz schon hadern;
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Höher lodert mir die Phantasie,
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Höher in des Paradieses Bildern,
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Mir die Götterexistenz zu schildern,
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Die Urania der Erde lieh.

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Einsam schleich' ich nur mit Einem Bilde
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Durch die weiten herbstlichen Gefilde,
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Und der Männerstolz ergrimmt und bückt
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Knirschend sich, wie der Magnet dem Pole,
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Vor dem schönen lächelnden Idole,
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Wenn ihr Auge reinen Himmel blickt.

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Mädchen, wenn du leicht vorüber schwebest,
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Und mich rund in deinen Zauber webest,
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Steht der Cherub mit dem Flammenschwert
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Nicht mehr schrecklich neben Edens Thüre,
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Und ich schwöre hundert Feuerschwüre,
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Unsre Erd' ist noch des Himmels werth.

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Wie das Garn sich um die Spindel windet,
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Drehet mein Gedanke sich, und findet
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Magisch überall in der Natur
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Einzig dich nur; merket, höret, siehet,
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Wohin auch mein Fuß um Ruhe fliehet,
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Wie im Lufthauch noch dein Bildniß nur.

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Heißer Seele möcht' ich zu dir treten,
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Glühend niederfallen anzubethen,
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In der schönen großen Schwärmerey;
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Möchte wonnetrunken hochvermessen
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Ganz den Meister in dem Werk vergessen
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Zu der heiligsten Abgötterey.

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Alle meine Weisheit vom Katheder
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Flog davon wie eine leichte Feder,
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Wenn dein Blick nach meinem Auge schlich;
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Seit ich diesen Pulsschlag mir erworben,
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Ist die ganze Schöpfung ausgestorben,
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Und nur du allein bist Weib für mich.

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Und nur du, mir Einzige auf Erden,
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Sollst und kannst und wirst mein Weib nicht werden:
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Gähnend liegt die alte Kluft vor mir;
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Knirschend heb' ich, ohne mich zu retten,
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Tiefen Grimmes an des Schicksals Ketten,
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Und durchbräche gern sie hin zu dir.

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Wahrlich, wie ein glatter Rosenknabe
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Wein' ich nicht an meines Glückes Grabe,
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Starrten mich auch Todtenschedel an:
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Aber wenn ich einst mein Herz entwöhne,
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Ohne dich mit meinem Loos versöhne,
54
Dann hab' ich ein Männerwerk gethan.

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Wie die Sonne lächelst du mir, Holde;
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Aber fluchen möcht' ich deinem Golde,
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Welches mir dein Sonnenlächeln bricht.
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Muth hab' ich, im Gluthenkampf zu sterben;
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Aber Muth, mir Schätze zu erwerben,
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Liebstes, bestes Mädchen, hab' ich nicht.

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Jetzt zum ersten Mahle könnt' ich wollen,
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Daß mein Werth nur mit Ducatenrollen
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Sich erwiese, nach gemeinem Sinn;
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Oder wärst du arm, wie ich, und kämest
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Sittig freundlich halb zu mir und nähmest
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Herz um Herz zum herrlichsten Gewinn.

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Mit gestähltem Muthe wollt' ich ringen,
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Dir den kleinen Unterhalt zu bringen,
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Den Natur den frohen Kindern beut:
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Froh an deiner Seite wollt' ich sitzen,
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Und um den Genuß des Lebens schwitzen;
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Und die Mühe wäre Seligkeit.

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Mit Madonnenanmuth würdst du fliegen,
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Dich an meine Schulter anzuschmiegen,
75
Und ich spräche mit dem schönen Lohn
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Allen großen königlichen Sündern,
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Die für ihre Wollust Länder plündern,
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Göttlich froh an deinem Nacken Hohn.

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Dich mir noch im Kampfe zu ersiegen,
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Wollt' ich über Andenschedel fliegen
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Durch des Ozeanes Felsenbahn;
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Mich zu deinem Liebling aufzuschwingen,
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Durch des Krieges Todessaaten dringen,
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Wechselnd Kluft hinab, und Himmel an.

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Ha, ich wollte mit dem Würger schlagen,
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Mich für dich hinab zur Hölle wagen:
87
Mädchen, kauf mit Golde, wenn es gilt,
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Dir ein Herz, bereit für dich zu bluten,
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Und das heiße Leben wegzufluthen,
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Bis der letzte Tropfen von ihm quillt.

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Unaufhaltsam rollen unsre Jahre;
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Mit des Mannes erstem grauen Haare
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Sinkt vom Weiberauge die Magie.
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Werde glücklich, und ich will mein Leben
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Selber hin für deine Ruhe geben,
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Ohne Rausch der süßen Sympathie.

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Rettet mich, ihr Götzen, Stolz und Ehre,
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Wenn ich taumelnd die Vernunft nicht höre;
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Drückt das schöne herrliche Gefühl,
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Bräche gleich das Herz im Drucke, nieder;
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Und nach tiefem Sturme bringet wieder
102
Feste kalte Ruh aus dem Gewühl.

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In dem gelben glänzenden Metalle
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Liegt für meine Seele keine Falle,
105
Wenn es blendend auf und nieder flockt;
106
Und ich wollte neben seinen Schimmern
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Selbst mein letztes kleines Glück zertrümmern,
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Eh es mir nur einen Wunsch entlockt.

109
Mädchen, wenn mein Herz in Wüsten narbet,
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Und zum Grabe fastend einsam darbet,
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Soll dein Nebelbild mich noch erfreun;
112
Und wie an dem Blumenkelch die Biene
113
Häng' ich an dem Nahmen Wilhelmine;
114
Und er wird mir noch Erquickung seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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