Elastisch fliegt

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Johann Gottfried Seume: Elastisch fliegt Titel entspricht 1. Vers(1786)

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Elastisch fliegt
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Ihr Finger durch die Silbersaiten,
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Und Engelharmonieen gleiten,
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Aus ihrer Seele Harmonie gewiegt,
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In mein entzücktes Ohr,
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Und tragen mich zu Gottes Chor
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Auf Fittichen des Hochgefühls empor.

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Von ihrem Mund
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Sinkt aus des frommen Herzens Fülle
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In meine Brust geweihte Stille,
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Und um mich her ruht tief das Erdenrund:
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Die trunkne Seele lauscht,
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Wenn sie durchs Tongewebe rauscht,
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Und um Empfindung sanft Empfindung tauscht.

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Wenn ihr Gesang,
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Wie junger West am Rosenstrauche,
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Der Harfe folgt mit Flötenhauche,
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Wird meine Seele lauter lauter Dank,
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Und heiße Rührung steigt,
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Wenn jede Erdenrührung schweigt,
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Hinauf, wo sich der Seraph bethend beugt.

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Ihr Feuerschwung,
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Wenn schwebend ihrer Lieder Wellen
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Empor zu Gottes Lobe schwellen,
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Hebt meinen Busen zur Begeisterung,
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Und froh der Welt entrückt,
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Steh ich am Throne, wo entzückt
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Des Lichtes Engel sich mit Lichte schmückt.

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Ihr Lautenton
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Spielt in dem hingegebnen Herzen
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Mit süßer Wollust süßen Schmerzen,
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Und adelt magisch jeden Erdensohn
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Im seligsten Genuß
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Zu hohem göttlichen Entschluß,
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Wie auf dem Berg' Eloahs Morgengruß.

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Das Paradies
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Glüht um sie her, wenn ihre Saiten
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Der Tugend Hochgesang begleiten,
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Schön wie es Gott in Edens Gärten wies:
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Die ganze Schöpfung lacht
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Wie nach des Mayes schönster Nacht,
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Wenn Florens Hauch durch ihre Harfe facht.

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Sie führet mich
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Mit Zauber fort in ihrem Spiele
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Durch Labyrinthe der Gefühle,
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Und meine Seele kettet freundlich sich
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Auf ihrer Zauberbahn,
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Jetzt sanft hinab, jetzt wolkenhoch hinan,
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Mit leisem Zug an ihre Seele an.

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Mit starker Hand
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Läßt sie in langen Feuerbächen
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Den Donner aus den Saiten brechen,
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Und webet dann ein glühendes Gewand
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Gebietend um die Flur:
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Es schmelzen ihre Töne nur
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Und Ruhe sinkt herab auf die Natur.

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Melancholie
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Zieht durch der Leidenschaften Stille
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Um meinen Geist die Trauerhülle,
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Wenn feyerlich die Klagemelodie
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Ihr von der Lippe sinkt,
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Und ihrer süßen Schwermuth winkt,
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Die dann mein Herz zum Götterfrieden trinkt.

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Die Liebe spricht,
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Wenn sie mit holder Freude lächelt,
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Wie Zephyr um die Blumen fächelt,
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Mit allem Reitz von ihrem Angesicht;
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Und schweigend nah' ich mich,
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Und schwöre still und feyerlich
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Dem Göttermädchen: Ja, ich liebe dich!

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Und wenn erfreut
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Mein Geist sich an ihr Antlitz hänget,
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Und auf Gefühl Gefühl sich dränget,
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So lehret mich ihr Blick Unsterblichkeit,
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Und Überzeugung schau,
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Hell wie den Glanz im Morgenthau,
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Ich fest in ihres Auges Himmelblau.

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Die Freude quillt
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Durch lange tiefgegrabne Schmerzen
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Bey ihrem Ton in wunde Herzen,
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Wenn er in Gluth zu hoher Andacht schwillt;
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Die Klagen werden stumm,
83
Und zauberisch wird rund herum,
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Wo ihre Lieder wehn, Elysium.

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Ruf du mir zu,
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Gieß du mir, Minna, mit Gesange
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In meine wogende und bange
88
Und öde Seele deines Himmels Ruh,
89
Wenn über Gott und Welt,
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Wo Laster steigt und Tugend fällt,
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Der Zweifel mich mit Angst gefangen hält.

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Von deiner Hand
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Strömt durch der Weisen Irrgewimmel
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Mir Glaube zu an Gott und Himmel,
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Mir Glaube zu ans beßre Vaterland.
96
Die Dunkelheit wird Licht,
97
Wenn deine Seele Hymnen spricht;
98
Dann beth' ich mit, und beth' und zweifle nicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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