Die Allgewalt des lieblichen Geschlechtes

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Gottfried Seume: Die Allgewalt des lieblichen Geschlechtes Titel entspricht 1. Vers(1786)

1
Die Allgewalt des lieblichen Geschlechtes
2
Beherrscht mit schöner Zauberey,
3
Der Stolze trägt nur härtre Sclaverey
4
Im Traume des verlornen Rechtes,
5
Beherrscht den Geist des Königs wie des Knechtes:
6
Der edelste bleibt nicht der Fesseln frey.

7
Es schäme sich der unsichtbaren Ketten
8
Kein Mann, so groß er immer war.
9
Die Parce webt Uranien ihr Jahr,
10
Und webet es von Blumenbetten:
11
Nur wer nicht fühlt, vermag es sich zu retten,
12
Und lächelt kalt und spottet der Gefahr.

13
Der Weise lebt beglückt in sanften Banden,
14
Die süße Herzenssympathie
15
Und leiser Hauch der Seelenharmonie
16
Zum Heil des Lebens um ihn wanden,
17
Dankt für sein Glück den Göttern, die es fandten,
18
Küßt frey und froh die Kett' und segnet sie.

19
Die Schönheit rührt, doch nur die Anmuth sieget,
20
Und Unschuld nur behält den Preis,
21
Die Unschuld die von keiner Schminke weiß
22
Und überwindet und nicht krieget,
23
Und mehr allein durch ihre Reitze wieget,
24
Als aller Kunst gemeßner Modefleiß.

25
Das Herrlichste, was wir auf Erden schauen,
26
Was magisch oft Barbaren zähmt,
27
Und selbst die Hand des Bluttyrannen lähmt,
28
Ist, bleibt ein Weib, das voll Vertrauen,
29
Sich kaum bewußt, den Rest gemeiner Frauen
30
Durch Tugenden von hohem Werth beschämt.

31
Die Anmuth thront auf ihrer heitern Stirne,
32
Und ihre schöne Seele mahlt
33
Sich in dem Blick, den sanft ihr Auge strahlt:
34
Sie dreht als Phöbus Lieblingsdirne
35
Nicht ein System mit Aufwand von Gehirne,
36
Dem Schmeicheley nur kalten Beyfall zahlt.

37
Mit ihrem Ton haucht ihre Harmonieen
38
Sie wilden Unholdsseelen ein,
39
Wenn sie es reicht, wird Wasser Chier-Wein;
40
Sie kommt, und Zorn und Zwietracht fliehen,
41
Und selbst der Knecht der stygischen Harpyen
42
Hört ein Mahl auf ein Bösewicht zu seyn.

43
Die Unschuld blickt, und selbst der Wüstling schweiget,
44
Und sein verworfnes Herz wird rein
45
Als kehrt' ein Gott zu seiner Rettung ein:
46
Kein Funke seiner Sünde steiget
47
Entflammend auf, wo sie ihr Antlitz zeiget,
48
Und tief fühlt er sich nur verächtlich klein.

49
Mit Lieblichkeit spielt an der Mutter Händen
50
Die kleine Schmeichlerinn, und blickt
51
Mit Unschuld auf, in der sie schon entzückt:
52
Wer kann den Blick einst von ihr wenden,
53
Wird die Natur ihr schönes Werk vollenden,
54
Das sie schon jetzt mit Zauberzügen schmückt?

55
Mit Lust entschlüpft sie ihrem Flügelkleide
56
In froher Unbefangenheit,
57
Und jeder Tag, der sie zum Liebling weiht,
58
Ziert sie mit mehr als funkelndem Geschmeide,
59
Die Unschuld schmückt mehr als Gewand von Seide
60
Und Frohsinn mehr, als Glanz der Eitelkeit.

61
Die Jungfrau geht, mit Glorie umgeben,
62
Und alle Herzen folgen nach;
63
Und manches Wort, das ihre Lippe sprach,
64
Erwegt ein schwerverborgnes Beben,
65
In welchem sich die leisen Seufzer heben,
66
Und leise wird der Liebe Sehnsucht wach.

67
Die Sittsamkeit glänzt sanft in ihren Blicken;
68
Wie ungleich jenem Angesicht,
69
Wo jeder Zug nur Aphroditen spricht,
70
Wo in der Lockung frechem Nicken,
71
Und jedem Wort Begierden sich verstricken,
72
Wo jeder Wink der Tugend Schranken bricht!

73
Ihr trägt ein Mann sein ganzes Herz entgegen,
74
Sieht sie wie eine Gottheit an,
75
Und rühmet sich mit Stolz, daß ers gethan,
76
Und hält sie froh für einen Segen
77
Aus Eden noch auf seinen Pilgerwegen;
78
Und was er glaubt, ist kein erträumter Wahn.

79
Der Gatte geht mit Zuversicht und Liebe,
80
Wohin ihn das vereinte Glück
81
Oft ruft, und sieht mit Mißtraun nicht zurück;
82
Als ob den Bund ein Engel schriebe,
83
Für ihn allein das Paradies noch bliebe:
84
Die Unschuld bürgt mit ihrem Seelenblick.

85
Wer spricht es aus, wenn er auf ihrem Schooße
86
Die kleinen Gaukler scherzen sieht,
87
Und sie ihn sanft in diese Gruppe zieht?
88
Ein Krösus ist mit seinem Loose
89
Ein Bettler dann, und klein der erste Große,
90
Der hoch entflammt um Dunst der Ehre glüht.

91
Die Unschuld ist die Grazie der Schönen,
92
Die lieblich jede Freude würzt,
93
Genuß vermehrt und Kummerstunden kürzt.
94
Kein Frevler wagt es, sie zu höhnen;
95
Um sich vielleicht der Tugend auszusöhnen,
96
Wenn rund um ihn die Hoffnung nieder stürzt.

97
Sie lächelt frey, wenn, wie am Königsthrone,
98
Ein Sclavenheer sich um sie drückt,
99
Und schmeichlerisch im Glanz der Schönheit bückt.
100
Dem Mädchen reichet sie die Krone;
101
Bringt Heiterkeit und Ehrfurcht der Matrone,
102
Wenn sich das Haupt mit Silberlocken schmückt.

103
Sie denket froh an jeden Tag von gestern,
104
Der ohne Tadel ihr verstrich;
105
Ergötzet schon des nächsten Morgens sich,
106
Und Freud' und Ruh sind ihre Schwestern:
107
Und wagts der Neid, die Göttliche zu lästern,
108
Der Scorpion stirbt an dem eignen Stich.

109
Wenn stille Schuld der Wangen Blüthe tödtet,
110
Den schönsten Schmelz der Augen dämpft,
111
Und in dem Mark mit Feuergifte kämpft;
112
Wenn sich umsonst der Frühling röthet,
113
Verzweiflung kocht, wenn Philomele flötet,
114
Und Marterangst das Herz zusammen krämpft;

115
Wenn in den Kreis der schwachen kranken Kinder
116
Der Mutter scheues Auge fällt,
117
Und jeder Blick Gewissenspein enthält,
118
Wenn stets geschwinder und geschwinder
119
Im Fieberpuls der hingelebten Sünder
120
Ein Rächer sich mit seiner Rechnung stellt:

121
Dann sieht verklärt die Tugend ihre Knaben,
122
Die in dem buntesten Gewühl
123
Mit Jugendkraft und hohem Frohgefühl
124
Sich um sie her versammelt haben:
125
Die Seele kann sich an dem Anblick laben,
126
Und Engel sehn mit Lust ein solches Spiel.

127
Wenn zauberisch im jungen Ebenbilde
128
Die muntre kleine Tochter fliegt,
129
Und lauschend sich an ihre Mutter schmiegt,
130
Und ihre Mutter dann mit Milde
131
Sie sanfter drückt und hinblickt ins Gefilde;
132
Hat Dichtung je so schönen Traum gewiegt?

133
Kühn blickt der Mann und muthig in Gefahren,
134
Den seiner Seele Würde hebt;
135
Er schreitet fest, wenn feig der Weichling bebt;
136
Die Tugend stählt in Winterjahren
137
Ihn noch mit Kraft auch unter grauen Haaren,
138
Wenn keiner mehr der Zeitgenossen lebt.

139
Die Unschuld bringt der guten frohen Alten
140
Den Schwarm der Enkel um das Knie:
141
Sie sieht und küßt und lehrt und segnet sie,
142
Wenn sie sich fester an sie halten;
143
Und Freude glänzt aus allen ihren Falten
144
Und jedes Wort ist reine Sympathie.

145
Hoch ehret sie in ihrer Tugend Lohne,
146
Bey eurer Hoffnung ehret sie,
147
Ihr Mädchen; sonst erreichet ihr sie nie.
148
Der Vater lebt in seinem Sohne,
149
Und Enkel sind die Zierde der Matrone:
150
Ein solches Stück ist Seelenharmonie.

151
Geht, opfert ihr, der Unschuld, die euch schützet,
152
Die euch mit jedem Reitze ziert,
153
Durch die allein ihr edle Herzen rührt,
154
Was ihr besitzt, durch sie besitzet,
155
Und ohne die euch alles wenig nützet;
156
Geht, opfert ihr, die euch zum Heile führt.

157
Durch sie nur wird und ihren hehren Schleyer
158
Die Schönheit göttlichen Geschlechts;
159
Nur sie allein gibt das Diplom des Rechts
160
Und macht Vollkommenheiten theuer,
161
Veredelt Lieb' und macht allein sie freyer
162
Als Dienstbarkeit des nur gemeinen Knechts.

163
Nur sie allein schafft Segen auf der Erde,
164
Und sichert euer Paradies,
165
Das einst ihr Hauch aus Wüsten werden ließ,
166
Verbannet Kummer und Beschwerde,
167
Baut den Olymp an Baucis kleinem Herde,
168
Und wehet sanft, wenn hoch der Sturmwind blies.

169
Sie mischt den Kelch, den euch der Gram verbittert,
170
Mit Trost aus ihrem Vaterland,
171
Führt in dem Glück, reicht im Orkan die Hand,
172
Und hauchet, wenn der Sünder zittert,
173
Weil schwarz heran die Donnerwolke wittert,
174
Euch Frieden zu, von Gott herab gesandt.

175
Sie reicht mit Huld, wenn einst die Saat der Halmen
176
Zur großen Ernte niedersinkt,
177
Und ernst und hehr des Schnitters Sichel blinkt,
178
Den Kindern ihren Kranz von Palmen,
179
Wenn zu dem Chor der neuen Jubelpsalmen
180
Ihr Angesicht im Strahlenkreise winkt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.