Gott, Gott, den Mönch und Bonze nennet

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Johann Gottfried Seume: Gott, Gott, den Mönch und Bonze nennet Titel entspricht 1. Vers(1786)

1
Gott, Gott, den Mönch und Bonze nennet,
2
Und weder Mönch noch Bonze kennet,
3
Den man von Nation zu Nation,
4
Durch schleichenden Betrug geblendet,
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In frömmelnder Verehrung schändet,
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Hier beth' auch ich, des Staubes Sohn.

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Des Weisen forschender Gedanke
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Bebt ehrfurchtsvoll in seiner Schranke,
9
Und blickt mit Ahndung in dein Heiligthum,
10
Und stehet, wenn in ihren Kreisen
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Dich Myriaden Welten preisen,
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Anbethend still zu deinem Ruhm.

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Du säest Welten aus wie Saaten,
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Und das Geheimniß deiner Thaten
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Ist blendend Licht und Harmonie und Sturm;
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Und in der Kette deiner Wunder
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Ist eine Sonne nur ein Zunder,
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Und eine Erde nur ein Wurm.

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Und ich, was mag ich Pünctchen wollen?
20
Die Sphären deiner Ordnung rollen
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Nach deinem Maß in ihren Kreisen hin;
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Ob unter Jubel oder Wimmern,
23
Auf Rosenwegen oder Trümmern
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Ich glücklich oder elend bin.

25
Du hast gerecht zu meinem Leben
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Mein Theil mir von Vernunft gegeben;
27
Genug zum Segen und genug zum Fluch:
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Ich bin, wenn ich, was ich verschulde,
29
Nicht ruhig ohne Murren dulde,
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Mit dir und mir in Widerspruch.

31
Das Urverhängniß aller Dinge
32
Liegt weislich in dem großen Ringe
33
Durch lange Folgen an Nothwendigkeit;
34
Und nichts wird, wenn auch schwache Seelen
35
Mit Gram sich bis zur Folter quälen,
36
Im Schicksal anders angereiht.

37
Wer kann, o Wesen aller Wesen
38
Des Schicksals große Rolle lesen,
39
Auf welche du der Himmel Ordnung schreibst?
40
Wer hat mit dir im Rath gesessen,
41
Das ewige Gesetz zu messen,
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Nach welchem du die Sphären treibst?

43
Man legt dir, Weisester, wenn Thoren
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Durch Unverstand ihr Glück verloren,
45
In lauten Klagen den Verlust zur Last;
46
Und niemand mißt genug die Mittel,
47
Die du im Purpur und im Kittel
48
Den Sterblichen beschieden hast.

49
Nur wenn des Lebens Riesenplagen
50
Der Freude letzten Keim zernagen,
51
Erliegt dem heißen menschlichen Gefühl
52
Die schwankende Vernunft und fluchet,
53
Wenn sie umsonst nach Rettung suchet,
54
Frech sich und dir in dem Gewühl.

55
Wenn übertünchte Bösewichter
56
Das Recht durch den erkauften Richter
57
Der Unschuld rauben, und in hohem Spott
58
Das Mark der Wimmernden verschwenden,
59
Verzweifelt in des Henkers Händen
60
Die Tugend selbst an ihrem Gott.

61
Wenn häuchlerische schwarze Seelen
62
In ihrem Kleid ihr Gift verhehlen,
63
Und Völker an dem Gängelbande drehn,
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Und desto blutiger zu zehren,
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Mit Finsterniß die Dummheit nähren,
66
Wagts der Gequälte dich zu schmähn.

67
Die Zwietracht schwingt mit Schlangenarmen
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Die Todesfackel ohn' Erbarmen,
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Und würgt mit Wuth in einem Augenblick,
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Der göttlichen Vernunft zur Schande,
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Die ganze Hoffnung ganzer Lande
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Und mancher Jahre schönes Glück.

73
Der Ocean durchbricht die Dämme
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Und greift im Sturme ganze Stämme
75
Von Glücklichen mit ungeheurer Fluth;
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Die Erde wirft mit giftgem Hauche
77
Verderben aus dem Naphtabauche,
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Und frißt Provinzen in der Gluth.

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Wenn rund, wohin das Auge fliehet,
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Wo nur der Strahl der Sonne glühet,
81
Die Menschheit unter ihren Geißeln weint,
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Wenn in unendlichen Gestalten
83
Harpyen ihre Mahlzeit halten,
84
So knirscht vor Grimm der Menschenfreund.

85
Wenn in dem stürmischen Gewühle
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Sich qualvoll kreuzender Gefühle
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Die schwache Lampe der Vernunft erlischt;
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Wenn hinter ihm Verwüstung gähnet,
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Und vor ihm, furchtbar ausgedehnet,
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Sich Finsterniß mit Schrecken mischt;

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Wenn er umsonst nach Lichte spähet,
92
Und zweifelnd an dem Abgrund stehet,
93
Wagt er die große fromme Frevelthat,
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Voll hoher Gluth in seinen Adern,
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Mit dir, Gott, seinem Gott zu hadern,
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Und lästert dich und deinen Rath.

97
Gott, in den Glanz des Lichts gehüllet,
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Gott, dessen Hauch das Weltall füllet,
99
An dessen Kleid die Sonnen funkelnd stehn;
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Auf dessen Wink die Welten fallen,
101
Und aus den Trümmern neue wallen,
102
Die jubend sich in Sphären drehn:

103
Gott, Vater, Schöpfer, Ordner, Walter,
104
Des Cherubs und des Wurms Erhalter,
105
Laß nichts mir, wenn die Bosheit teuflisch glotzt,
106
Laß nichts mir meinen Kinderglauben
107
An deine Vatergüte rauben,
108
Der aller Bosheit Giften trotzt.

109
Ich bin, kann ich in Hypothesen
110
Gleich nicht das große Räthsel lösen,
111
Ich bin ein Funke deiner Ewigkeit;
112
Und mein Gefühl mit Feuerschwingen
113
Kann auf zu deiner Größe dringen
114
In seines Werthes Trunkenheit.

115
Laß mich nicht, wenn mein Busen wüthet,
116
Und Lästerung und Wahnsinn brütet,
117
Im hohen Wahnsinn deine Weisheit schmähn;
118
Ich stehe blind am großen Spiele,
119
Und kann hinab zum fernen Ziele
120
Nicht mit dem schwachen Auge sehn.

121
Laß mich nicht, wenn in ihren Rotten
122
Verführer frech der Unschuld spotten,
123
Und jeden Tag ein neues Opfer fällt,
124
Laß mich, wenn sie mit Molochsaugen
125
Aus ihren Thränen Nahrung saugen,
126
Nicht richten über deine Welt.

127
Laß mich nicht, wenn mit Hohngelächter
128
Des Rechtes rechtliche Verächter
129
Der Tugend kaum den Götterwerth verzeihn,
130
Laß mich nicht, wenn des Elends Knaben
131
Umsonst nach Futter schreyn, wie Raben,
132
Durch Lästerung die Zung' entweihn.

133
Laß mich nicht, wenn Hyänenhorden
134
Provinzen zur Verwüstung worden,
135
Und jubelnd über Menschentrümmern gehn,
136
Laß mich nicht unter Menschenteufeln
137
An deiner Vaterhuld verzweifeln,
138
Wenn Höllengeister mich umwehn.

139
Laß nie mich in der Angst es wagen,
140
Dich hochvermessen anzuklagen,
141
Da Dunkel noch das große Jenseits deckt,
142
Nicht fluchen, wenn das Laster sieget,
143
Und Tugend, die im Schlummer lieget,
144
Zu ihrem Untergange weckt.

145
Wenn jenseits noch zur Qual gerottet,
146
Der Tugend frech die Bosheit spottet,
147
Die hier das Blut der Unschuld gierig sog;
148
So ist es, Herr, dein Himmelsfunken,
149
Der, waren wir hier wonnetrunken,
150
Uns göttliche Verwandtschaft log.

151
Wenn du uns hier in unserm Staube,
152
Trotz der Verheißung, die ich glaube,
153
Zum todten Stoff der fremden Wesen legst,
154
So sinkt die Hälfte meiner Brüder
155
In nahmenloses Elend nieder,
156
Womit du zwecklos sie zerschlägst.

157
Wenn Angst und Zweifel in mir stürmet,
158
Und Nacht auf Nacht um mich thürmet,
159
Und alle Sinne sich im Schwindel drehn,
160
So will ich meine Hände falten,
161
Und mich an dich im Sinken halten;
162
Und sinkend werd' ich nicht vergehn.

163
Ich will, wie an dem Helm im Schiffe,
164
Am alles tröstenden Begriffe
165
Von dir und deiner weisen Güte stehn,
166
Und wenn des Weltbaus Angel sinken,
167
Der Hoffnung vollen Becher trinken,
168
Und ruhig in die Trümmer sehn.

169
Es sollen mich nicht Widersprüche,
170
Nicht infulirter Männer Flüche,
171
Nicht Edda, Vedam, und nicht Alkoran,
172
Nicht Bibel und nicht irre Weisen
173
Von meiner Felsenwarte reißen,
174
Auf der ich sicher harren kann.

175
Aus deiner Hand gehn Orionen,
176
Du hauchst der Geister Millionen
177
Mit Götterkräften hin in ihre Bahn,
178
Und zündest, wenn die Geister zagen,
179
Aus Mitternacht zu Sonnentagen
180
Gewiß die Fackel wieder an.

181
Aus Tod und Grab bricht meinen Blicken
182
Dann unter himmlischem Entzücken
183
Gewiß der Ordnung Morgenlicht zuletzt:
184
Dann tauch' ich mich in jene Kreise
185
Der Welten, wenn zur Weltenreise
186
Aurore mir die Füße netzt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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