Die Menschen sind, was Menschen immer waren

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Johann Gottfried Seume: Die Menschen sind, was Menschen immer waren Titel entspricht 1. Vers(1786)

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Die Menschen sind, was Menschen immer waren,
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Gemisch von Schwachheit und von Kraft;
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Oft spricht Vernunft, und öfter Leidenschaft:
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So sind sie seit sechs tausend Jahren
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Im Strom der Zeit hinab gefahren;
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Und meistens nur, wozu der Augenblick sie schafft.

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Im Allgemeinen aufgerafft,
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Sie mögen lachen oder weinen,
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Sind sie nur selten, was sie scheinen.
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Das Wort ist nichts, als nur ein Hauch;
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Die stille That nur, kaum bemerkt durch Einen,
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Zerstreut der Worte dicken Rauch.
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Wir meinen selbst nur selten, was wir meinen:
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Gemächlich ist der löbliche Gebrauch,
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Auf Andrer Ansehn dictatorisch auch
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Stracks zu bejahn und zu verneinen.

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Es führet uns am Gängelband
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Ein buntes Heer von Vorurtheilen.
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Kaum hat man ein Gespenst verbannt,
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Und ganze neue Rotten eilen
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Dem Orte zu, wo das verjagte stand.
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Wird eines Arztes Wunderhand
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Wohl je den tiefen Schaden heilen?
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Der Knabe, der schnell wie sein Drache fliegt,
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Der Greis mit seinem dritten Fuße,
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Das Mädchen, das die Puppe wiegt
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Und die Matrone mit der Buße;
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Magister Duns, den nichts betrügt,
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Der Sybarit, der unter Moschus liegt,
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Der Mönch mit seinem Engelsgruße;
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Das Ordensband, das Lorberhaupt, der Richter,
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Der Kämmerling, der Philosoph, der Dichter;
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Ein jeder, Bettler und Minister,
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Von Paul dem Kaiser bis zu Paul dem Küster,
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Treibt sporenstreichs, mit Feder oder Schwert,
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Mit Spaten, Meßtisch oder Lunge,
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Als hing das Wohl der Welt an seiner Zunge,
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Mit heißem Blut sein Steckenpferd:
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Und treibt er in der Hitze nur
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Dem Nachbar nicht durch Garten oder Flur,
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So ist die Jagd noch ehrenwerth;
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Es trage dann ein jeder seine Kappe,
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In Sanssouci und bey Gemappe.

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Doch darum ist das Erdenvölkchen nicht,
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Wenn gleich im Sokkus und Kothurne,
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Vom Flügelkleide bis zur Urne,
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Ein jeder sich sein eignes Kränzchen flicht,
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Sogleich ein häßliches Gezücht.
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Prometheus hat uns ein Mahl so geknetet
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Aus seinem Thon; was können wir,
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Das arme Machwerk, denn dafür,
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Daß man verkehrt nun pflanzt und hackt und jätet,
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Und mit der brennendsten Begier
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Dem Glück entflieht und um das Unglück bethet?

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Als die Olympier Pandoren
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Zum mißlichsten Experiment,
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Wovon noch jetzt die hohe Flamme brennt,
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Den Leutchen, die des Töpfers Kunst geboren,
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Herabgeschickt, fing das Präsent
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Zu gähren an, und hat nun fort gegohren.
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Die Hoffnung nur ging nicht verloren,
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Daß einst vielleicht die Gährung schweigt,
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Und Gutes noch aus dem Gemische steigt.

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Indessen webt der Tanz der Horen,
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Wer nur sein Herz dem holden Chore neigt,
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Noch viel Musik für Augen und für Ohren.
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Der Mensch ist menschlich. Urideen zeugt
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Vielleicht am Urquell nicht der Engel,
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Der reines Licht von Gottes Antlitz trinkt;
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Und im Gefühle seiner Mängel
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Voll Ehrfurcht zitternd niedersinkt.
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Die Täuschung ist uns zugeschworen;
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Das Siegel liegt in der Natur:
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Wir sehen hier in unsrer Dämmrung nur
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Von Glück und Licht als Trösterinn Auroren;
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Und wen beym Antritt seiner Bahn
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Die Genien mit Lächeln wiegen sahn,
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Dem lächeln auch wohl ihre Floren.

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Wir müssen uns einander nehmen,
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So wie wir in dem Kreise sind,
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Und uns ein wenig links und rechts bequemen;
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Man schifft umsonst stracks gegen Fluth und Wind
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Ein blödes Aug' ist darum noch nicht blind.
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Man streife nur das Handwerk von dem Manne,
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Und nehme, was dann übrig bleibt,
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Gewissenhaft und nach der Spanne,
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Wenn er nicht mehr sein Steckenpferdchen treibt;
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So stehen Richter und Susanne
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So ziemlich wie sie waren da,
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Und jeder sieht so ziemlich, was er sah.

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Ein jeder gibt sein Bißchen Sinn,
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Mit dem der Himmel ihn gesegnet,
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Weil die Ergebung Vortheil regnet,
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Für Unsinn des Systems dahin:
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Man denkt, Vernunft ist immer im Gewinn.

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Die schwarzen Pfaffen und die braunen,
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Mit Platten und mit langem Schopf,
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Die Gilden mit und ohne Kopf,
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Als Stutzer hier und dort als Faunen,
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Die ihre tiefen Gaunereyn
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Dem Volk mit gimpelhaften Launen
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Hochheilig in die Ohren raunen,
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Sind von dem Ganges bis zum Rhein
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Zwar sehr oft noch der armen Menschheit Pein;
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Doch mit dem leidigen Gelichter,
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Jetzt in Kohorten, jetzt allein,
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Bey weitem nicht sogleich auch Bösewichter.

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Ein jeder Narr trägt seine Brille;
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Ein jeder Mensch hat seine Grille.
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Der Bonze bläst das Zionshorn,
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Wie Samuel ihm vorgeblasen,
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Und von dem Schnauben seiner Nasen
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Strömt auf die Frevler hoher Zorn,
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Die zu vernünfteln sich vermaßen.

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Der Mann mit einem Flammenstern
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Blickt groß aus seinem Strahlenscheine
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Mit Dunst des Hofs herab auf Kleine,
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Und mimickt, wo er kann, so gern
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Die Miene des erlauchten Herrn,
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Als schrieb' er das Gesetz am Rheine:
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Und in des Vorsaals dicker Luft
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Hält mancher stolz sich für des Staates Treiber.
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Vom Marschall bis zum Küchenschreiber;
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Und wer den Hof nicht roch, ist ihm ein Schuft.

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Der Held, für ein Gespenst von Ehre,
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Und oft für ein Gespenst von Pflicht,
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Sieht, trunken vor dem trunknen Heere,
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Als ob der Gang zum Paradiese wäre,
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Dem Würger trotzig ins Gesicht,
130
Der zu dem Mahl sich Legionen bricht.
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Wie sehr ihm auch der Druck des Panzers laste,
132
Er zehrt in ihm des Landes Fett,
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Und fühlt dadurch stracks sein Verdienst komplett;
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Und den Beweis führt seine Degenquaste.

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Das große Heer der Herrn der Feder
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Sitzt dictatorisch in dem Rauch,
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Und füttert sich mit Erbsenbrey und Lauch,
138
Und glaubt, es treib' allein die Räder
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Der Weltuhr fort: und mancher arme Gauch
140
Im vierten Stock, der alles stolz verachtet,
141
Was unter ihm auf Erden wohnt,
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Schnallt sich den Bauch vor Hunger, aber thront,
143
Indem er nach der Suppe schmachtet,
144
Als hätt' er den Verstand gepachtet.

145
Der Junker rollt sein langes Pergament,
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Daß hoch der Staub fliegt, aus einander;
147
Und gegen ihn ist Philipps Alexander
148
Ein Männchen nur, das kaum der Schüler kennt,
149
Ob es gleich Welten nieder rennt:
150
Das Stift von Mainz hätt' ihm den Eintritt nicht vergönnt.
151
Er siehet in zerschoßnen Fahnen,
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Vor deren Schrift er staunend steht,
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Und die er links und rechts mit Ehrfurcht dreht,
154
Nur seinen Werth im Werth der Ahnen;
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Und führet das erlauchte Haus,
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Durch viele fromme Dunkelheiten
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Und manchen alten Schutt der Zeiten,
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Zwey hundert Jahr vors Feigenblatt hinaus.

159
Der Demagog mit faltenvoller Stirn
160
Spinnt tief versteckt an neuen Schlingen,
161
Den Eigensinn des Pöbels zu bezwingen,
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Und setzt in seinem heißen Hirn
163
Das schönste Lied, das die Sirenen singen,
164
Und wickelt dann das Volk wie Zwirn,
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Um es an seinen Pfahl zu bringen,
166
Wo er es, trotz der blutigsten Accise,
167
Wenn ers vermöchte, schwitzen ließe.

168
Die Göttinn, die an ihrem Hofe
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Mit Einem Blick die Männerwelt
170
In Sclaverey gefesselt hält,
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Vor der der Held, brav in dem Amt der Zofe,
172
Mit Schmeicheleyen niederfällt,
173
Dreht unter Wielands schönster Strophe
174
Das Schnürchen fest, mit dem sie Sprenkel stellt;
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Und hält mit List die Grazien am Fädchen,
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Trotz Liddy, ihrem Haubenmädchen.

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Verzeihen wir, damit man uns verzeihe!
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Die Menschen sind im Ganzen schon noch gut;
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Man nehme sie nur nach der Reihe,
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Mit allem, was das heiße Blut
181
So oft, und oft das kalte wieder thut.
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Wir sind, trotz den Apotheosen,
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Womit des Dichters Feerey
184
Es schmeichelnd wagt, den Schönen vorzukosen,
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Nur von der Erdensiedeley.
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Auf Binsen blühen keine Rosen,
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Und unser Ball trägt keinen Fehlerlosen.
188
Doch hat er viele gute Seelen,
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Die hier und da noch ohne Schein,
190
Gleich einem unpolierten Stein,
191
Im rauhen Kleid den innern Werth verhehlen,
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Und denen, um auch schön zu seyn,
193
Vielleicht nur Schliff und Fassung fehlen.

194
Mit ihnen können wir vergnügt
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Noch unsers Lebens Stunden zählen;
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Und, wenn der Troß der Alltagswelt betriegt,
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Und falscher Stempel uns belügt,
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Zu ihnen uns wie zu Asylen stehlen.
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Sie sind einander anverwandt,
200
Weil sie einander angehören:
201
Die Wahrheit ist ihr diamantnes Band,
202
Die Tugend stets das Siegel, das sie ehren;
203
Ihr Gruß ein biedrer Druck der Hand,
204
Auch wenn sie von den fernsten Meeren,
205
Von fremdem Stamm und fremder Sprache wären.
206
Die Freundschaft fließt nicht von den Zungen;
207
Die Herzen lesen ohne Schrift:
208
Es wird kein schöner Spruch gedungen;
209
Sie reden durch die That, die in die Seele trifft;
210
Denn aus der Seel' ist sie entsprungen.
211
Sie kennen sich, auch wenn sie schweigen;
212
Und wer die Sprache nicht versteht,
213
In welcher sie sich ohne Künste zeigen,
214
Und um den Sinn zur Schule geht,
215
Verfehlt des Weges, den sie wallen,
216
In Hütten und in Marmorhallen,
217
Der Stern ist nichts, wenn nichts darunter schlägt,
218
Das seinen Mann von reinem Werthe
219
Den Dutzendseelen dieser Erde
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Entrückt und zu den Sternen trägt.
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Mit Kopf und Herz in Gleichgewicht,
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So fest wir hier auf unsern Wegen
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Im Gleichgewicht zu gehn vermögen,
224
Gehn sie, wenn auch der Sturm aus Wolken bricht,
225
Mit stiller Kraft den Weg der Pflicht:
226
Und wandern sie der Nacht Gefahr entgegen,
227
Das Herz hat Muth, der Kopf hat Licht.

228
Sie reichen jedem ihre Hand,
229
Der auf der schroffen Felsenwand
230
Mit Schwindel in dem Blicke stehet,
231
Wo sich der Fuß hart an dem jähen Rand
232
Schon ungewiß und zitternd drehet,
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Und schon das Haar zum Sturze wehet;
234
Sie wandeln dankbar durch die Au,
235
Und pflücken zu dem Kranz der Horen
236
Im Angesichte von Auroren
237
Die Rosen mit dem Perlenthau:
238
Doch legen sie das neugewundne Band
239
Der Frühlingskinder aus der Hand,
240
Und trösten einen Freudenlosen,
241
Der weinend an dem Wege stand;
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Der Augenblick bricht ihnen beßre Rosen,
243
Als Flore selbst mit ihrem Lenze wand.

244
Nicht süßer Worte Melodieen,
245
Nicht Thränen selbst, die an der Wimper glühen,
246
Beweisen so, wie ein Gesicht,
247
Von dem mit Ernst, in ungeduldger Regung
248
Und schöner flammender Bewegung,
249
Die ganze Seele Wohlthat spricht.
250
Fein ist der Stempel, den sie tragen,
251
Und tief, sehr tief liegt mancher Zug:
252
Man lernt ihn nicht in wenig Tagen,
253
Und oft erscheint nach Jahren noch Betrug.
254
Betrügen und betrogen werden;
255
Nichts ist gewöhnlicher auf Erden.

256
Mit manchem ist man schon in langen Jahren
257
Auf dieser Reise durch die Welt
258
In Einem Kahn hinab gefahren,
259
Und glaubte sich sehr gut gesellt,
260
Bis schnell, wenn durch verborgne Felsen
261
Die Fluthen unser Schiffchen wälzen,
262
Der Nebel von der Stirne fällt.
263
Der Eigennutz, der Stolz, der Dünkel,
264
Und irgend eine Leidenschaft
265
Schläft oder lauscht oft Jahre lang im Winkel,
266
Bis sie mit eingesogner Kraft
267
Gebietherisch zu Tage dringt,
268
Und Harmonie in grellen Mißlaut bringt.
269
Die Meinung und der Ruf vergrößern immer,
270
Und mahlen optisch alle Mahl
271
Den Gegenstand durch oft gebrochnen Strahl,
272
Das Gute besser, Böses schlimmer,
273
Das Dunkel dunkler, blendender den Schimmer.

274
Die Regel durch das Leben sey:
275
Vertraulichkeit, und selten nur Vertrauen,
276
Und links und rechts, von Furcht und Hoffnung frey,
277
Auf Seelenphänomene schauen;
278
Erwarten und nichts auf Erwartung bauen;
279
Nur alle Menschen menschlich nehmen,
280
Das Gute so, wie wir es sehn;
281
Mit Muth und Kraft dem Bösen widerstehn,
282
Anstatt darüber uns zu grämen:
283
Und zu der Sicherheit der Sache,
284
So weit das Erdenelement
285
Uns Sicherheit in seinem Schooße gönnt,
286
Den Geist der Vorsicht auf die Wache.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Seume
(17631810)

* 29.01.1763 in Poserna, † 13.06.1810 in Teplitz

männlich, geb. Seume

deutscher Schriftsteller und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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