Heimtück' und Reue

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Ludwig Eichrodt: Heimtück' und Reue (1859)

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Daß mit Liebe Grausamkeit verbunden
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Oftmals durch des Schicksals Toben ist,
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Hat bekanntlich Romeo empfunden
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Sammt der Julia, die ihn geküßt.
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Aber schauderbar
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Die Geschichte war,
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Die erlebte jüngst ein Decopist.

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Michel Heidt der Zwanzigste, ein Bauer
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In der Landgemeinde Muckenwies,
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War um seine Ehefrau in Trauer,
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Während seine Tochter Eva hieß.
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Und vom Landgericht
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Mehrmals monatlich
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Kam der Wilhelm Straub, das ist gewiß.

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Jener Vater eines Mädchens hatte
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Diesen kühnen Jüngling auf dem Strich,
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Auch die Tochter hatt' er auf der Latte
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Weil sie seiner Aufsicht hold entwich,
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Und er hielt die Zwei
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Nicht sowohl für treu,
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Sondern aber fast für lüderlich.

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Darum konnte man's ihm nicht verdenken,
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Daß das Paar melankatholisch ward,
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Daß sich Er herumtrieb in den Schenken,
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Und daß sie verdächtig auf ihn harrt;
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Denn des Abends spat
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In der Kemmenat
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Uebertäubten sie die Gegenwart.

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Doch der Vater, vor der Zukunft bange,
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Durch Vergangenheit gewitzigt schier,
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Nährt im Busen bösen Heimtucks Schlange,
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Rasselt schrecklich plötzlich an der Thür;
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Und vor seines Grimm's
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Eile, durchs Gesims
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Schwingt der Jüngling sich in's Luftrevier.

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Aber, wie der sorgenvolle Vater
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Arglist schnaubend es vorhergesehn,
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Oeffnet landwirthschaftlich sich ein Krater
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Unten, wo des Hofes Kater stehn.
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In der Grube groß
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Schnöde Gülle floß
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Uebers Haupt, ach, dem Verwegenen!

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Aus dem Himmel in den Pfuhl der Hölle,
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Glaubt der Aermste, jählings sich gestürzt,
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In des schaurigen Kozytus Welle
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Seines Lebens Faden schon gekürzt,
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Doch er taucht empor,
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Und in's frohe Ohr
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Braust die Welt ihm wieder, stark durchwürzt.

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Weh! Da stand er in dem Morgengrauen
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Als ein nächtlich dunkler Ehrenmann,
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Noch vermocht er nicht das Licht zu schauen,
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Doch zu dämmern es ihm sonst begann.
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Süßen Trost vernahm
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Er in Schreck und Scham,
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Als sich oben Prügelei entspann.

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Denn er höret der Geliebten Stimme,
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Ob sie auch der Vater, wild entsatzt,
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Gleichend einem Wüstenungethüme
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Unbarmherzig, lächelnd, durchkarbatscht,
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Ob es gleich ihm ahnt,
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Was da allerhand
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Würde allwärts bald herumgeklatscht.

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Und mit einem wüthigen Entschlusse
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Rettungslos ergreifet er die Flucht,
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Träumend von des Abschieds heißem Kusse
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Und des Farrenschweifes kalter Wucht;
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Athmet wieder frei
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Erst im nächsten Mai,
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In Australiens ferner Hafenbucht.

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Ja, die treue Liebe wird belohnet
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In dem herrlichen Australia,
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Staunet nun, wie der Entwich'ne wohnet,
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Einer lieblicheren Grube nah:
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In des Goldes Staub
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Wälzt sich Wilhelm Straub,
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Stehet glänzend als ein Phönix da.

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Und er lebet wie ein reicher Nabob,
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Sparsam nur der Liebe huldigend,
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Denn ein Brief vom Muckenwieser Jakob
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Meldet, daß die alte Flamme brennt;
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Daß der alte Heidt
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Sei voll Traurigkeit,
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Und daß Alles nicht so übel ständ'.

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Also in Europas Hain zergrämte
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Sich der Vater um der Tochter Glück,
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Ja, man sah ihm an, daß er sich schämte
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Ueber seiner Tücke Meisterstück.
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Nachbars Neckerei
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Macht den Gaul ihm scheu,
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Und er zog sich vor sich selbst zurück.

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Ja, es währt nicht lang, so sind dieselben
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Nach Australien gleichfalls durchgebrannt,
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Und der William mit dem feuergelben
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Glaçé reicht den Reisenden die Hand.
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Stumme Zähre rinnt,
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Und sogleich beginnt
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Hochzeit, Tauf' und heil'ger Ehestand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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