Straubinger in der Münchner Ausstellung

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Ludwig Eichrodt: Straubinger in der Münchner Ausstellung (1859)

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Da komm ich eines Tages in
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Die Indurstie-Ausstellung,
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Man hat mir g'sagt, es sei dadrin
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Die Handwerks-Kunst-Vermählung,
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Ich stell mich an den Springbrunn gleich
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Und laß mich feucht bestäuben,
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Da wird mir's Herz so windelweich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Und an die Decke schauet' ich,
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Das Glas mir zu betrachten,
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Da meint ein Frauenzimmerlich
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Ich thät nach ihro schmachten;
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Nun zieht sie sich zurück sogleich
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Vor meinen Zeitvertreiben,
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Da wird mir, ach, das Herz so weich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Drauf stell' ich vor ein Erzbildniß
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Mich hin mit Wohlgefallen:
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Das ist ein großer Herr gewiß,
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Denn Schuh' hat er mit Schnallen!
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Nur ist er selbst schon eine Leich',
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Wie mir's die Leut beschreiben,
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Da wird das Herz mir grausam weich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Und plötzlich riecht es gar so schön
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Als wie im Kümmelladen,
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Doch muß ich mit Betrübniß sehn,
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Es sind ja nur Pommaden,
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Und lauter so versalbtes Zeuch,
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Den Kopf sich einzureiben,
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Da wird mir's Herz so butterweich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Daneben duftet in die Höh,
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Zu meinigem Erstaunen,
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Ein Obelisk von Sa-ifö,
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O tolle Handwerkslaunen!
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Ich glaubt ich muß mich allsogleich
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Vor Schamgefühl entleiben,
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Da wird mir doch das Herze weich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Drauf sah ich mich zu meinem Schreck
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Verkehrt in einem Spiegel,
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Und steh mit meinem Hemd voll Speck
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Vor ausgestopftem Gflügel.
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Ein Eulennest, o denket euch,
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Zum Hut sich anzutreiben!
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Da wird mir auch das Herz so weich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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O Himmelheiligsakrament
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Was Kutschen und was Schäsen!
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Ach, daß ich drein mich setzen könnt'
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Mit einem zarten Wesen!
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Meineidiglich wollt' ich sogleich
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Die Gäul verhaun, die Kaiben,
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Da wird das Herz mir windelweich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Drauf thu ich auf der Gallerie
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Mit Frohsinn um mich grinsen,
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Entdeckend einen Parablie
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Noch dünner als zwei Binsen;
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Mit solchem Angebinde reich
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Möcht ich mich flugs beweiben,
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Da wird mir's Herz so weich, so weich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Und wie ich ganz herunterkam,
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Stand ich vor den Maschienen,
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Woselbst ich eine Prise nahm,
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Den Scharfsinn zu bedienen.
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Ein schiergar menschliches Gekeuch
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Thät da mich übertäuben,
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Da wird mir, ach, das Herz so weich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Nun bleib' ich leidenschaftlich stehn
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Vor einem Gegenstande,
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Den ich mit Rührung stets besehn
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In jedem Vaterlande;
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Rindsleder ist es ohne Gleich,
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Man kann's nicht weiter treiben,
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Da wird das Herz mir lederweich,
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Ich kannn nicht länger bleiben.

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Ich hätte an der Einrichtung
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Zwar Vieles auszusetzen,
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Wollt' ich mir meine arme Lung'
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Schnell aus dem Leibe schwätzen,
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Doch ist es besser, daß ich schweig,
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Als so mich aufzureiben,
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Mein Herz wird ohnehin zu weich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Nur Eines kann ich, glaub' ich als,
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Im Busen nicht vergraben,
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Die Saul von Seif und die von Salz,
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Die möcht' ich anders haben;
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Die beiden möchte ich sogleich
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Hoch übereinander steibern,
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Da wird das Herz mir sterbensweich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Vermissen muß ich aber hier
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Auch menschliche Getränke,
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Denn Spritt ist doch kein bayrisch Bier,
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Um das ich viel mich kränke;
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Von diesem indurstielen Zweig
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Kann leider ich nichts schreiben,
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Da wird das Herz mir windelweich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Auch zweifl' ich, ob vom Handwerksburst
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Der Eintrittspreis gelobt wird,
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Indem man so mit Schnaps und Wurst
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Beim größten Durst gefoppt wird.
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Wenn lüstern ich vorüber schleich'
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An Gitterwerk und Scheiben,
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Da wird mir's Herz so schmählich weich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Dem hintern Winkel aber darf
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Mein Lob ich nicht versagen,
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Wo ein Klavier und eine Harf'
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Ich höre schandbar schlagen,
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Mit einem Weibsbild tanz' ich gleich,
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Herum trotz allem Sträuben,
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Da wird mir's Herz wie Brei so weich,
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Ich kann nicht länger bleiben.

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Z'letzt wie ich so vergaffe mich
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In Bilder auf Geschirren,
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Da stolpr' ich elend hintersich
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Und höre sakrisch klirren;
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Ich bin aus meinem Himmelreich
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Gefallen durch die Scheiben,
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Da wird mir's Herz verzweifelt weich,
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Ich kann nicht länger bleiben. -

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Doch eh' man meiner habhaft ward,
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War ich schon weit vom Schusse,
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Und zeigte Geistesgegenwart
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Mit einem Liebenskusse;
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Den gab ich mir nichts dir nichts gleich
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Der Bäbi vor der Kneipen,
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Da ward mir
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Und ich beschloß zu bleiben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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