Fridolin

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Ludwig Eichrodt: Fridolin (1859)

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Gern sing' ich den Biedersinn,
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Des Barbiers, des Fridolin,
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Aber Käthchens falsche Art
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Zu erzählen fällt mir hart,
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Denn dies Nähermädchen hat
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Aufgebracht die ganze Stadt.

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Käthchen hatt' ein schön Gesicht,
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Sittsam aber war sie nicht,
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Fridolin hat mit Verstand
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Dieses allzuspät erkannt, –
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Ach, es macht uns sehr betrübt,
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Wenn man solche Mädchen liebt.

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Schon in früher Morgenstund'
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Machte Fridolin die Rund',
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Eilend in der Stadt herum,
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Und bedient das Publikum,
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Seines Messers flinker Schnitt
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Bracht' ihm Ehr' und Appetit.

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Doch bei Tage wie bei Nacht
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Hat er Käthchens nur gedacht,
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Wie ein Bild an einer Wand
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Sie vor seinem Geiste stand,
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Nachts erblickt er sie im Traum,
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Und bei Tag im Seifenschaum.

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Einen Hut mit Seidenband
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Kauft er und ein schön' Gewand,
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Käthchen ward mit Recht entzückt,
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Weil er ihr so Vieles schickt,
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Und mit einer großen Scham
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Nannte sie ihn Bräutigam.

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Für die unbefleckte Ehr'
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Schien das Mädchen sorgsam sehr,
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Abends schloß sie ihre Thür',
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Fridolin durft' nicht zu ihr,
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Auf daß ihrer Unschuld nicht
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Schaden in der Nacht geschicht,

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Nur bei hellem Tagesschein,
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Ließ sie ihn in's Kämmerlein,
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Und vergönnt' ihm einen Kuß
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Zum beglückenden Genuß;
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Kam der Abend dann herbei,
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Ging er in die Brauerei.

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Spät noch eines Abends saß
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Fridolin beim Gerstenglas,
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Freute sich mit reinem Sinn
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Auf den nächsten Morgen hin,
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Und gedacht' in einem Jahr
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Sie zu führen zum Altar.

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Plötzlich sprach zu ihm ein Freund,
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Bastian, der's redlich meint:
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Ei pfui tausend, Fridolin,
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Duldet dies Dein Biedersinn,
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Daß ein Reiteroffizier
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Schleicht zu Käthchens Kammerthür?

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Dieses Wort des Bastian
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Faßt ihn sehr mit Schrecken an,
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Mit den Beinen greift er aus,
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Eiligst nach der Liebsten Haus,
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Und mit einem starken Stoß
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Sprengt er das Pariser Schloß.

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Da beim Lampenscheine sah –
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Großer Gott, was sah er da?
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»großer Gott, verleih' mir Kraft,
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Nein, das ist nicht tugendhaft,
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Käthchen nein, und dreimal nein,
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Käthchen, Du bist nicht allein!«

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Fridolin, vom Zorne roth,
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Fand die Worte nur mit Noth:
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»o Du ungetreue Braut,
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Meinst Du, daß mich das erbaut?
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Bei Dir ist ein fremder Mann,
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Gott, wie greift mich dieses an!«

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»käthchen, Käthchen, meine Pflicht
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Duldet solchen Unfug nicht,
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Käthchen, noch in dieser Nacht
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Ist die Brautschaft ausgemacht,
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Käthchen, wenn der Morgen graut,
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Hat der Pfarrer uns

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Als sie dieses Wort vernahm,
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Meinte Käthchen jetzt vor Gram,
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Sprach gerührt der Offizier:
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»solches kam mir niemals für,
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Fridolin, Du edler Mann,
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Sei mein Freund von heute an!«

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Wer auf eine Led'ge traut,
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Mensch, der hat auf Sand gebaut,
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Denn ein Windhauch, ohne Spur
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Ist des Mädchens Liebesschwur,
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Weislich knüpft der biedre Mann,
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Fest'res

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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