Der verlorene Sohn

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Ludwig Eichrodt: Der verlorene Sohn (1859)

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In dem Land Mesopotamien,
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Fruchtbar durch des Euphrat Schlamien,
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Lebt' einst, fern von Babylon,
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Damian ein Oekonom.

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Ungeheuer reich war selbiger,
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Hatte tausend Küh und Kälbiger,
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Pferd und Esel, Schaaf und Rind,
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Und zwei Söhnlein auch zum Kind.

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Kinder gleichen sich nicht allemal,
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Sagt der weise König Salemal;
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Ist auch ähnlich das Gesicht
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Gleichen sich die Herzen nicht.

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Also war auch bei des Damian
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Zwofach aufgesproßtem Samian
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Aehnlich zwar das Angesicht,
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Aber ihre Herzen nicht.

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Morgens früh schon ging der Michael
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In das Feld mit seiner Sichael,
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Half den Knechten beim Geschäft
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Und wies auch die Mägd zurecht.

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Balzers Muth stand freilich anderweit,
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Ihm mißfiel die rauhe Handarbeit,
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Der Herr Pfarrer meinte drum:
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Thut ihn auf das Studium!

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Seine Mutter Athanasia
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Liebt' ihn ohne Ziel und Maßia,
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Hat's beim Vater durchgedrückt,
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Daß er ihn zur Hochschul schickt.

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Man erzählt vom alten Babylon
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Wundersame Pracht und Fabylon,
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Dort schrieb man ihn ein als Fuchs,
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Doch statt Jus trieb er nur Jux.

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Und er lebt in dulci Jubilo
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Und in einem ew'gen Nubilo,
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Wein und Bier wie auch Likör
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Trank er täglich mehr und möhr.

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Leider aber die Kollegien
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Ließ er gänzlich unterwegien,
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Von dem Babylonier-Corps
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Ward er bald der Senior.

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In den Gärten der Semiramis
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Spielt' er manchen Schlauch und Bierramis
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Und ergab sich allgemach
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Pharao und derlei Sach.

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Auch der Liebe that er huldigen,
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Dies bracht' ihn zumeist in Schuldigen
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Und der schlimme Zeitvertreib
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Ruinirt ihm Seel und Leib.

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Endlich war er gar zu liederlich,
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Seine Bein und Hände zitterlich,
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Und auf seinem Haupte war
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Auch nicht mehr ein einzig Haar.

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Sich zu machen zahlungsfähiger,
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Kam er an die Manichäiger,
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Dies hat ihn so weit gebracht,
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Daß er aus dem Staub sich macht.

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Da er nächtlich schied von Babylon,
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War's ihm ziemlich miserabylon,
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Und er ging hinaus auf's Land,
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Wurde ein Komödiant.

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Jetzt als Priester von der Thalia,
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Trieb er allerlei Skandalia,
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Zog von Dorf zu Dorf herum
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Und entsetzt das Publikum.

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Schweinepriester war er immerdar,
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Und ein schlaues Frauenzimmer war,
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Wenn er sich zu fassen schien,
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Immer wieder sein Ruin.

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Da geschah zu seiner Läuterung
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Eine große Noth und Theuerung,
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Eine Vieh- und Menschenplag'
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Wie man's kaum gedenken mag.

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Niemand ging mehr in Komödien,
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Und sein letztes Hemde flödigen,
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Als ein Schwein
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Trebern, wie die Schweine thun.

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Solche Kost kann nicht wohl sättigen,
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Mager bald wie ein Skelettigen,
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Sehnt nach Hause sich sein Geist
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Zu des Vaters Hammelfleisch.

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Und er wandert mit Geschwindigkeit,
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Tief bereuend seine Sündigkeit,
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Ohne Strümpfe, Hemd und Hut,
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Fort nach seines Vaters Gut.

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Da man's Vieh zu Mittag tränkete,
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Damian an gar nichts denkete,
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In der Küch' die Mutter war,
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Sieh da kommt der Balthasar.

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Ei du Strolch und Erzlumpazius,
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Galgenstrick und Hauptkujazius,
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Welcher Wind führt dich in's Reich,
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Ei, wo ist mein Farrenschweif?

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Balthasar warf sich auf's Esterich:
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Hau' nur zu, denn ich trieb's lästerig!
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Doch die Mutter kommt, zum Glück,
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Und der Vater weicht zurück.

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Und in heißen Thränen bitterlich
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Klaget laut das gute Mütterlich,
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Küßt' ihn und ruft ohne End':
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Ach, mein Balzer, mein Student!

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Und der Vater alsbald umgewandt
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Hat zu allen Nachbarn 'rumgesandt,
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Und zur großen Gasterei
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Seinen Sohn bekleidet neu.

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Um den Mondschein zu beseitigen
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Seines Schädels für den Heutigen,
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Mußt' ein altes Handschuhpaar
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Lassen seines Pelzes Haar.

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Spät kam, als der Abend dämmerte,
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Michel heim vom Feld und jämmerte,
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Weil Musik er hört' und Tanz,
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Sparsam war er gar und ganz.

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Euer Bruder kam, der Balthasar,
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Darum tanzen sie den Waltasar,
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Haben auch ein Kalb gemetzt;
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Hat ihm drauf ein Knecht versetzt.

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Zornig stampfte da der Michael;
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Knecht' und Mägd' und das Geflüchael
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Flohen hocherschreckt in's Haus,
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Und der Vater trat heraus.

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Micheln wieder zu begütigen,
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Trat er schmunzelnd zu dem Wüthigen,
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Redet ihm in's Herz gelind:
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Komm herein und sei kein Kind!

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Komm herein und tanz den Schottischen
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Mit des Jakobs rothem Lottichen,
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Zwanzigtausend bringt sie mit,
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Wirb um sie, weil ich dich bitt'.

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Geb' dir gleichfalls soviel Baaria,
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Aber laß die Larifaria,
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Geb' das halbe Gut dir gleich,
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Aber komm herein und schweig!

133
Komm herein und laß dich sänftigen,
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Spiele nicht den Unvernänftigen,
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Freu dich, weil der Herr Student,
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Wiederum zu Hause send!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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