Der Räuber Link

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Ludwig Eichrodt: Der Räuber Link (1859)

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Laßt uns schaudern vor der Szene,
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Die ich nun enthüllen muß,
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Gräßlicher als die Hyäne
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Ist des Mörders Bruderkuß;
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Link, der Mordmensch, ach geboren
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Ward er in der Mutter Schooß,
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Doch dem Teufel zugeschworen
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Wuchs er auf und wurde groß.

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Seht, schon lief er aus der Schule
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Mit dem Messer in der Hand,
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Ruhig sitzen auf dem Stuhle
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War ihm gänzlich unbekannt;
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Ganz besonders auf die Katzen
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Hatte er es abgesehn,
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Und den unverschämten Spatzen
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Thät' er früh den Hals umdrehn.

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Fenster konnt' er gar nicht leiden,
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Darum schmiß er alle ein,
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Balgen, schreien, Fratzenschneiden
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Waren die Vergnügen sein.
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Unvorsichtig ging er frühe
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Schon mit schwarzem Pulver um,
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Und er gab sich alle Mühe
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Zu erschrecken 's Publikum.

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Seinen Lehrer, den er hatte,
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Prügelt er auf eigner Stub,
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Frecher war als eine Ratte
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Der verzog'ne Gassenbub.
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Zwetschgen bengeln, Birnen stehlen,
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Teller knicken und so fort
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Konnten später nicht verfehlen,
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Daß er schritt zu Raub und Mord.

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Gar nichts aber wollt' er lernen,
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Und es war des Vaters Pflicht,
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Aus dem Hause zu entfernen
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Den verkappten Bösewicht.
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Aber dieses Zwangsverfahren
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Schlug zum Guten gar nicht aus,
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Dem gemäß den Flegeljahren
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Ist die Zucht im Vaterhaus.

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In des Waldes finstern Höhlen
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Hauste Link letzt ganz allein,
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Morden, rauben, brechen, stehlen,
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That er grausam wie ein Stein;
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Wehe, wer ist ausgetreten,
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Aus dem menschlichen Verein,
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Wer verlernet hat zu beten,
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Er muß tief gesunken sein.

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Wer nun denkt nicht an den Winter,
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Wo die großen bösen Wölf'
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Waren Thier- und Menschenschinder
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Dort lebt in dem Schwabenlande
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Eine dicke Rittersfrau,
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Welche schon am Grabesrande
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Stille Demuth trug zur Schau.

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Ihr Herr Gatte war begraben
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Schon seit manchem Leidensjahr,
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Denn im braven Lande Schwaben
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Dieser Fall nicht selten war.
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Und in jener Hundekälte
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War sie ganz allein im Schloß,
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Und sie sah im weiten Felde
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Einen Reiter hoch zu Roß.

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Ach! wenn der Herr Sohn es wären'
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Welcher heimkehrt aus der Fremd',
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Und ihm Wölfe oder Bären
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Rissen von dem Leib das Hemd!
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Doch auf einmal ging die Thüre
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Wie durch einen Zufall auf –
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Aber sprecht! wer stürzt herfüro,
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In der Hand des Dolches Knauf?

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In des Sohnes bestem Rocke
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Steht der Link vor ihrem Leib,
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Bis herauf zum dritten Stocke
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Drang er zu dem armen Weib.
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Er verwürget sie und drücket
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Sie vor heuchlerischer
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Daß sie jämmerlich ersticket,
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Daß sie auf dem Platze blieb.

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Hurtig springen die Bedienten
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Zu der Flügelthür' herein,
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Wollen es sogleich ergründen
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Was das für Spektakel seyn?
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Doch sie kommen grad zu späte,
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Wie sie ihren Geist aufgibt,
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Stellen aber den zu Rede,
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Der sie so zu Tod geliebt.

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Aber aus dem Hinterhalte
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Brechen jetzt die Räuber vor,
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Und verstellen jede Spalte
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Und verriegeln Thür und Thor.
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In die wundervollsten Möbel
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Schlägt der Unmensch Nägel ein,
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Und mit seinem Mohrensäbel
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Haut er wie besessen d'rein.

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Da wird Schonung nicht geboten,
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Wo der Mensch sich nicht bewußt,
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Seht, auf den gewichsten Boden
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Speien sie mit roher Lust.
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Rauben, plündern, sengen, brennen,
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Bringen Alles lebend um,
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Bis sie nimmer schnaufen können
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Und das ganze Haus ist stumm.

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Jetzo geht es an ein Schwelgen,
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Daß es unsereinem graust,
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Ach! sie trinken aus den Kelchen,
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Essen aber aus der Faust.
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Welch' ein schrecklich Heidenleben
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Führen sie, wie nicht gescheit
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Schamlos, ohne nur zu beben
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Vor der hohen Obrigkeit.

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Wie sie nun zu Ende waren
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Kehren sie zum Wald zurück,
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Um die Kräfte aufzusparen
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Für ein größ'res Bubenstück.
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Denn es kam vom Jahresmarkte
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Heim der Eltern traurig Paar,
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Und der Sohn, der Link, verargte
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Ihnen schnöd das letzte Jahr.

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Denn mit seinen Mordgesellen
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Bricht er flugs aus dem Gebüsch,
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Thät den armen Vater fällen
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Mit dem Dolche kühn und frisch;
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Doch der Mutter ängstlich Flehen
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Rührt den Sohn zu mild'rer Straf,
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Statt den Hals ihr abzudrehen,
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Peitscht er sie als einen Sklav.

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Seinem Brüderlein daneben,
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Einem hoffnungsvollen Knab,
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Statt ihm einen Kuß zu geben,
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Beißt er Nas und Ohren ab;
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Doch es konnte tapfer laufen
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Dieser kleine Kamerad,
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Und mit athemlosen Schnaufen
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Springt er in die nächste Stadt.

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Schreit und jammert ganz entsetzlich,
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Winselt, zwitschert, pfeift und klagt,
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Heult und hustet, bis ihn plötzlich
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Jemand nach der Ursach fragt.
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Und sogleich zu hohen Ohren
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Kommt es einem Magistrat,
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Daß die Eltern er verloren
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Unter einem Blutgebad.

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Und man frägt sich, was man mache,
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Und man kratzt sich hinter'm Ohr,
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Kitzlich nämlich war die Sache,
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Das geht aus sich selbst hervor.
148
Doch nach vielerlei Debatte
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Stimmte Alles Einem bei,
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Der sogleich die Ansicht hatte,
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Daß der Link zu fangen sei.

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Mannschaft wird hinaus beordert,
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Man umzingelt schnell den Wald,
154
Und der Link, herausgefordert,
155
Weiset seine Schreckgestalt.
156
Und er spricht so rohe Worte,
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Daß man's gar nicht sagen kann,
158
Daß man glaubt, die Höllenpforte
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Hätt' ihr Maulwerk aufgethan.

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Doch sie werfen ihn in Ketten,
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Der wie wüthend sticht umher,
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Und er kann sich nimmer retten
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Trotz der großen Gegenwehr.
164
Fort mit ihm! Er fahr' zur Hölle,
165
In den tiefsten Schlund hinab,
166
Nimmer schau' er Tageshelle
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Sitze wie im finstern Grab!

168
Hingeschleppt vor seinen Richter
169
Wird der Vatermörder nun,
170
Und die größten Kirchenlichter
171
Disputiren dran herum.
172
Ja, er wird es büßen müssen
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– Freue dich, o frommer Christ –
174
So ein Mensch, dem sein Gewissen
175
Ganz abhanden kommen ist!

176
Und er wird sogleich befraget,
177
Ob er nicht ein Mörder sei,
178
Daß er so am hellen Tage
179
Treibe solche Lumperei?
180
Doch er will nicht Antwort geben,
181
Gehen wird es ihm an's Leben,
182
Denn man hält ihn für vestockt.

183
Ach wie soll ich mich
184
Was ist das für eine Zeit!
185
Daß er gar nicht will bereuen
186
Seine große Schuldigkeit!
187
Ganz vergeblich, daß der Pfarrer
188
Ihm in das Gewissen sprach,
189
Ach so miserabel war er,
190
Daß es gar nichts half darnach.

191
Doch es enden alle Faxen
192
Und es frägt sich nur noch dies,
193
Ob man ihm den Kopf abhaxen
194
O der besser henken ließ?
195
Und nach fünfundzwanzig Jahren,
196
Weil er gar nichts sagte
197
Wurde er hinausgefahren
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Zu dem heil'gen Halsgericht.

199
Der Verdacht war zu handgreiflich,
200
Wenn auch Zeugniß dünngesä't,
201
Aber an dem Menschen zweifl' ich,
202
Dem das nicht zu Herzen geht.
203
Blutig waren seine Hände
204
Und man wußte, wer er war,
205
O was nimmt das für ein Ende,
206
Und was gibt es für Gefahr!

207
Doch man läßt ihm nach der Sitte
208
Vor dem Tod noch einen Wunsch,
209
Und man reicht auf seine Bitte
210
Ihm Essenz zu einem Punsch –
211
Aber dieser Hottentotte
212
Setzt die
213
Leert sie aus und macht zum Spotte
214
Mit der Zunge seinen Schnalz.

215
Alles ist bereits versammelt
216
Vor dem Thore, Alt und Jung,
217
Und mit Militär verrammelt
218
Für die kleinste Unordnung.
219
Still wird's bald an allen Ecken,
220
Als ein Ton die Ohren packt,

221
Ha! es war der grimme Henker,
222
Der zerbrach den Todesstab,
223
Doch der Link, der ew'ge Zänker,
224
Spricht mit Hohn zum Volk herab:
225
Willst du morden, stehlen, fischen.
226
Hochverehrtes Publikum,
227
Laß dich niemals nicht erwischen,
228
Mach' es nicht wie ich so dumm!

229
Kaum war dieses ausgesprochen,
230
Zappelt er schon in der Luft,
231
Dann von Knochen hin zu Knochen
232
Wird gerädert unser Schuft;
233
Und zum Schluß wird er zerrissen
234
Von vier Ochsen, die das freut,
235
Und als guter Rabenbissen
236
In die Landschaft hingestreut.

237
Hätt' ich Zungen, hätt' ich Wörter,
238
Zu verwünschen, wie's gehört,
239
Diesen schlechten Vatermörder,
240
Der die Mutter selbst nicht ehrt!
241
Jeder aber überlege,
242
Daß er bleib' ein guter Christ,
243
Unerforschlich sind die Wege
244
Dessen, der im Himmel ist!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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