Napoleon in Rußland

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Ludwig Eichrodt: Napoleon in Rußland (1859)

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Um die Herrschaft auf der Erde
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Hub mit seinem Siegerschwerdte
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Und mit fürchterlichem Droh'n
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Endlich sich Napoleon:
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Wie der Sturmwind mit dem Meere
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Zog der ruhmgekrönte Held
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Mit dem ungeheuren Heere
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Gegen Rußland in das Feld.

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Und sie konnten sich nicht helfen
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Wie die Schafe vor den Wölfen
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Floh das tapfre Russenheer
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Land und Städte wurden leer.
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Niemand sah man in den Straßen,
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Schier ganz Moskau war entfloh'n,
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Zwar erstaunt, doch sehr gelassen
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Schritt herein Napoleon.

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Ney, des Heeres Allerbester,
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Orden trug er schier ein Sester,
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Ritt an seiner Seite hin,
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Denn der Kaiser liebte ihn;
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Und es ließ die Stimm' erschallen
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Jetzt zu Ney Napoleon,
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Ney, es will mir nicht gefallen,
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Meinst Du nicht, es brenzelt schon?

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Welch' ein übertriebnes Feuer!
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Das sind keine Freudenfeuer!
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Das ist Moskaus großer Brand,
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Wie er in der Zeitung stand.
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Seht, in Millionen Flammen
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Schlägt er über jener Stadt
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Und Napoleon zusammen,
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Eh' er sich's vermuthet hat.

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Zehnmalhunderttausend Reiser,
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Stürzen nicht, wie Moskaus Häuser,
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Nicht mit solchem Krachen ein;
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Feuer löset das Gestein,
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Feuer packt das Holz entsetzlich.
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Feuer ras't in jedem Haus,
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Feuer jagt die Feinde plötzlich
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Sammt Napoleon hinaus.

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Dieser flieht und schaut zum Himmel:
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Vor ihm ist ein Schneegewimmel,
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Hinter ihm die Feuersbrunst,
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Dies erschöpfet seine Kunst.
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Solches hat er nie vernommen:
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Vorne heiß und hinten kalt!
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Ei, da muß zu Schanden kommen,
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Auch der Allerstärkste halt.

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Hunger, Durst mit weiten Nachen
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Stürzen wie ergrimmte Drachen,
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Deren Magen groß und leer,
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Lechzend auf sein stolzes Heer;
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Und ein Frost ergreift die Schaaren,
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Schnee bedecket Alles weiß,
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Die am Abend Menschen waren,
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Standen Morgens da als Eis.

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Die verfolgten Krieger weichen.
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Einmalhunderttausend Leichen
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An der Beresina Strand,
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Der erschrockne Russe fand.
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Denn sie bauten eine Brücke,
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Drängten sich in wildem Lauf,
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Traten dreimal sie in Stücke,
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Gingen so schier Alle drauf.

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Oberst Müller hat's gesehen,
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Er kann kühn als Zeuge stehen,
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Für den fürchterlichen Tag,
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Weil er mit im Felde lag.
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So erfroren Frankreichs Krieger
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Und es floh Napoleon,
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Der bezwungne Weltbesieger,
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Schaudernd kaum allein davon.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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