Heinrich's letzter Gedanke

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Ludwig Eichrodt: Heinrich's letzter Gedanke (1859)

1
Mich langeweilt das Carroussel,
2
Die Freiheit, die Lectüre;
3
Der Lieder murmelreicher Quell
4
Zur Gosse sich verliere!

5
Ich, des Jahrhunderts Dichterheld,
6
Verrufe mein glänzendstes Dictum,
7
Ich rufe hinaus in die nachtende Welt:

8
Da steh' ich so ganz, so gar allein,
9
Und seufz' an dritten Orten,
10
Ich lebe, das allerbrillanteste Schwein
11
Aus Epikurs Cohorten.

12
Aufrichtig war ich ein Royalist,
13
Die Iulisonne im Herzen,
14
Ich ende, ein Protestant und Christ,
15
Mit heftigen Judenschmerzen.

16
Katholisch zu werden steht mir nah,
17
Ich war ja
18
Wenn ich Signora knieen sah,
19
Die Taille tiefmelancholisch.

20
Die jauchzenden Völker an meinem Sarg,
21
Sie brechen in wildes Geheul aus,
22
Es brechen Laster, tantalisch arg,
23
Und vorprometheische Gräu'l aus.

24
Es hauchen die Rosen Leichenduft,
25
Das Kichern verlernen die Veilchen,
26
Und lüstern balgen an meiner Gruft
27
Die Hexen sich mit den Heil'gen.

28
Die Sonne tröpfelt als siedendes Gold
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In die Rachen der Pharisäer,
30
Der Mond vom Himmel herunterrollt
31
Auf den Papst und seine Schwäher.

32
Das jüngste Gericht erscheint alsbald
33
Mit dem liebenswürdigen Leviathan,
34
Und hinter dem Finger der Vorsehung krallt
35
Seine Teufelsfaust der Satan.

36
Und doch hat Niemand für soviel Geld
37
So feine Lieder gedichtet;
38
Ich habe die Nothdurft der
39
Durch meine Werke verrichtet.

40
Verleger mein, verzeihe du mir,
41
Weil ich jetzt nimmer dich rühre,
42
Bedenke, daß ich ein Laxier
43
Statt Versen bei mir führe.

44
Mein liebes Liebchen, wenn du weinst,
45
Daß ich dich habe vergessen,
46
Bedenke, daß die Trüffeln einst
47
Ich wundersgern gegessen.

48
Mein holdes, angetrautes Weib,
49
Du wirst mir nicht entlaufen,
50
Und
51
Dein Bett will ich verkaufen.

52
Mein süßes deutsches Publikum,
53
Dein Liebster war ich ja immer,
54
Besorge nur ferner meinen Ruhm,
55
Es fällt auf dich der Schimmer.

56
Jehova mein, erbarme dich,
57
Daß ich dich oftmals betrübet,
58
Du liebest alle Menschen, ich
59
Hab' jedes Mensch geliebet.

60
Du schufest die Gans mit Vorbedacht,
61
Ochs, Esel zu deinem Preise;
62
Sofern' ich
63
Geschah's plagiatorischerweise.

64
Nun schwebet mir vor nichts Anderes als
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Der Weltnachtstuhl voll Schwankes,
66
Ich walle, den Strick um den weißen Hals,
67
Zum seligen Strome Ganges.

68
Ich mache dort in der Gegend herum
69
Das Paradies ausfindig
70
Ich werde als wie ein Erzengel dumm,
71
Wie Adam und Eva unmündig.

72
Gazellenaugen glotzen mich an,
73
Die Lotos bekomplimentirt mich,
74
Den Buckel küßt mir ein heiliger Mann,
75
Und eine Lady skizzirt mich.

76
Ich hänge mich auf am Palmenbaum
77
Wie Absalon mit den Haaren,
78
Versunken in dattelsüßlieben Traum,
79
Ankommt mich's, abzufahren.

80
Einst, wenn sie nimmer wird drangsalirt
81
Die Welt, so wett' ich, daß man
82
Zu meinem Grabe pilgern wird,
83
Implicite Tullius Maßmann.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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