Saphirisch-humorphistische Vorlesung

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Ludwig Eichrodt: Saphirisch-humorphistische Vorlesung (1859)

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Ihr zittert – daß ich wohl das Köstlichste
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Des Köstlichen, doch nein, des göttlichen
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D.h. des göttergleichen Ruhmgeschlechts der Schönen:
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– Das Frauenauge – den lebend'gen Edelstein
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Durch witzige Berührung zu vertrüben,
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Durchtrieb'nen Triebs nach Scherzen, lauf Gefahr?
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Nicht laufen möcht' ich eben sagen hier –
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Im Gegentheil, graziös, doch ohne Kratzfuß –
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Gefahr dr'um tanzen, glaubt ihr, werd' ich, wie?
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Oho! Der Witz ist selbst ein Edelstein.
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Er sprüht und blitzt; obschon er oft auch nur
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Der Anstoß-Stein ist; wie er selber
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Vom reinsten Wasser – Wasser ist Humor doch,
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Weil Feuchtigkeit; und
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Doch hört mich an! Das Frauenauge ist
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Gerade wie Electromagnetismus (!!),
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Verwendet zum Fernschreiber Telegraf.
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(daß Grafen Schreiber sind, ist seltsam wohl?)
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Sagt aber, wer wohl läugnet die Magie
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Des Weibs, des himmlischen Magnets,
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Der gleichsam wie die
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(entschuld'gen sie den garst'gen, den polit'schen Witz)
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Machtvolle Eifersucht erregt –
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Und manchen »Magen« schon verdorben hat,
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Mag Herrin oder Magd es immer sein,
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(an Magdalene oder Maggelone nur erinnr' ich),
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Der Schwindel macht und oft zu Grunde richtet ...
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Wie die Magyaren jüngst der Demagogenschwindel.
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Wer ferner kennt nicht die elegische Kraft,
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Die so electrisch aus den Aepfeln blitzt
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Des Frauenaugs? 'Ne ganze Batterie
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Oft feuert aus 'nem einz'gen Blicke,
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Auf uns verlorne Männer appliquirt.
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Bei dem Fernschreiber auch ist ja 'ne Batterie,
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(obgleich gewöhnlich Schreiber fern
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Gern der Bataille mit der Taille steh'n.)
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Doch ferner will ich's detailliren nicht,
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Obgleich ich weiter nun erzählen muß.
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Saht ihr nicht auf dem jüngsten Maskenball,
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Wo tausend Lüstres holdes Glanzmeer strahlten,
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Wo Mummenspiel und Muhmen-Schielen spukte,
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Saht ihr nicht Manchen da wie den von Mancha steh'n,
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Ein schmächtig Schmachtender im Prunkgewühl,
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Fernstehen an canelirter Säule,
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Säulenstarr (Kameel denkt hier ein Witzbold)
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– Da trifft ihn jählings ein lautloses Wort,
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Ein luftgeschriebenes Billetdoux,
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Ein klanggetragner Schmachtbrief der Natur,
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Der auf Orchesters Tönewellen schwimmt,
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Ein Seufzer ohne Ton und doch beredt,
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Ein Blick aus funkenglühendem Brillant,
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Aus jenem Edelstein – dem Frauenaug'.
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Telegrafirt ist im Gedankenflug
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Im Nu, gleichwie electrisch wirkt der Schlag,
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Ein scheu Bekenntniß. –
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Ein andres Bild! Seht dort den Eheherrn,
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Wie er mit schöngeputzten Damen schäkert –
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(shakspear'scher Sündenbock – ich beuge mich.)
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Wie trifft ihn aus der Ferne schnell der Blitz,
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Die strafende Gardinenpredigt aus dem Aug'
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Der eifersüchtigen Hausfrau. Ist's nicht so?

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So stört auch oft ein zürnendzündender Strahl,
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Seither des Flugs, flugs aber ganz verflucht,
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Im Nu des liebenswürdigen Töchterchens
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Kokette Fröhlichkeit (mit Jüngern des Merkur
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Oder mit Mars süßschlankgehüftetem Schüler)
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Ein telegrafischer Zuchtbrief, prüfend,
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Vom Mutterauge.
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Und – myriadenfach schreibt solche Briefe
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Des Frauenaugs magnetische Batterie
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In weit'ste Fern', ha! schneller als der Wind,
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Als Fantasie, als Alles, schneller selbst
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Als ich, wenn ich dem Recensentenheer
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Und unverdientem Lob entrinnen will.
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– Der Recensent mit seinem
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Die Posse ist, daß stets er Zeter schreit.

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Allein die Andern, welche loben nur,
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Die bringen uns gar oft in Mißkredit
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(und leider meist in einer Miß Kredit,
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'nes alten Blaustrumpfs, der kretinenhaft.)
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Ihr lacht? Nun ja, ich lache selbst.
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Doch ihr, ihr Frauenaugen um mich her
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Im Auditorium, nun hört noch dies:
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Auch euere Kritik hab' ich ganz stille
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Vernommen längst schon und vermerkt,
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Gleich hunderten von Recensionsartikeln,
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Telegrafirt gar deutlich und direkt
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In meines Busens Didaskalia:
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Auch Recensionen schleudert Frauenaug'!
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Es kritisirt mich gar vom Wirbel bis
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Zum letzten Westenknopf – und bis zur Zeh'
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Im Feuernu – ich seh' es nur zu gut.
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O Electromagnetismus!
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Du bist so alt wie das schöne Geschlecht.
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Sind Alle jung.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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