Die Braut

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Ludwig Eichrodt: Die Braut (1859)

1
»verweinte Augen seh ich hier,
2
Dein Köpfchen senket sich,
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Was geht in deiner Seele für
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Mein Schwesterlein, o sprich!«

5
»ein Brief ist kommen auf der Post;
6
Er spricht von – allerlei.
7
O Bruder, Bruder gib mir Trost,
8
Mein Schatz bricht mir die Treu!«

9
So schluchzet Caroline laut,
10
Die Jungfrau süß und schlank,
11
Die opferfrohe, fromme Braut
12
Herrn Ferdinands vom Trank.

13
»laß ab vom Weinen, mich entmannt
14
Dein jammervolles Weh!
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An deinem Stolze brich die Schand
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Du tief Beleidigte!«

17
»vermöcht ich das, o das, ich wollts
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Ja gerne thun um Dich,
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Ach selbst gebrochen ist mein Stolz,
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Auch darum weine ich.«

21
»gib her den Brief! Was er enthüllt,
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Verwundet mein Geschlecht.
23
Eh dort der Mond sich wieder füllt,
24
Bist, Mädchen, du gerächt!«

25
»gott! Rache, nein, für meine Noth
26
Ist Rache kein Begehr,
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Mein Herz ist wie erfaßt vom Tod,
28
Mein Herz verlangt nichts mehr.«

29
»zurück sei dieser Pfeil geschnellt,
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Der Pfeil – verrathne Treu!
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Mein Eins und Alles auf der Welt,
32
Gerächet, lebst du neu!«

33
Und Bernhard drückt die Schwester heiß
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Ans Herz und stürmet fort;
35
Er reitet manches Roß in Schweiß
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Bis er am rechten Ort.

37
Lothringer Land ist gut bestellt,
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Dort rast der Fürstenzank,
39
Dort gegen Frankreich liegt im Feld
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Herr Ferdinand vom Trank.

41
»der Satan segne Euch den Wein,
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Drein Ihr verdrossen schaut!
43
Dieß, Herr, zum Gruß! Herr, überm Rhein
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Verzweifelt eine Braut.«

45
»und schriebst du das? Gib Rechenschaft,
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Verbuhlter, meinem Schmerz!
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Die Wuth ist meine Fechterkraft,
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Ist Schärfe meines Schwerts!«

49
»doch sieh! den Zierrath an der Wand!
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Pistolen, herrlicher
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Als je zu schaun – nimm sie zur Hand!
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Denn du sollst sterben, Herr!«

53
»mein Freund – ich danke deiner Wuth,
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Ich ehre deinen Schmerz,
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Es fließe Blut, doch schieße gut,
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Die Kugel mir ins Herz!

57
Komm mit in jene Tannennacht!
58
Glaub nicht an Furcht und Flucht!
59
Den Tod hab ich in mancher Schlacht
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Vergebens aufgesucht.«

61
»du, Tod? Ha, deiner Gleißnerei
62
Winkt volle Strafe dort!
63
Von deinen Freunden wähle zwei,
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Daß Niemand spricht von Mord!«

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Die Wolken ziehn, es rauscht der Tann
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In seiner finstern Pracht,
67
Am Auge haftet Mann dem Mann,
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Und Schuß auf Schuß erkracht.

69
Da wälzet sich in seinem Blut
70
Herr Ferdinand vom Trank,
71
Da bebt in Frost, da flammt in Glut
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Sein Gegner der nicht sank;

73
Nicht sank, der Nimmerweichende,
74
Weil nicht auf seine Brust
75
Weil der zuvor Erbleichende
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Ins Blaue schoß mit Lust.

77
»hab Dank, du Glücklicher, hab Dank!
78
Sei, was ich nicht war, sei
79
Was du, sei Ferdinand vom Trank,
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Mit mir ist es vorbei!«

81
»was thatest du? Mit deinem Blut
82
Verraucht mein heißer Zorn.
83
Was sprichst du irr? Mich läßt der Muth,
84
Ich werde selbst verworrnf«

85
»die Wahrheit sagt ein Sterbender.
86
Vernimm, o Freund, was ein
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Durch Liebe ganz Verderbender
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Gesteht in seiner Pein!

89
Vernimm, was Bosheit ausersann –
90
Ein Greis vertraute mir
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Das schreckliche Geheimniß an,
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Verschied und ließ mich hier.

93
Es war mein Oheim, ach er war
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Einst meines Vaters Feind;
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Wir Beide, ein Milchbrüderpaar,
96
Wir waren früh vereint!

97
Da brachte listiger Verrath
98
Verwechslung bald zu Stand,
99
Die Amme wußte um die That,
100
Die Amme bald verschwand.

101
Wir Beide werden schnell getrennt
102
– Die Mutter ging zur Ruh –
103
Und Schadenfreudezähren flennt
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Der Heuchler keck dazu.

105
Der Vater starb. Vor Monden erst
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Erfuhr ich, was du jetzt
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Zu deinem süßen Heil erfährst,
108
Was mich zu Tod entsetzt!

109
Gerungen hab ich wie ein Mann
110
Ein edler ringen mag,
111
Was sterbend ich entdecken kann,
112
Verhehlt ich Tag für Tag.

113
O Schwester! Braut! Geliebtes Herz!
114
Von uns wer hätte still
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Ertragen diesen einen Schmerz –
116
Den Gott mir nehmen will!

117
Weh! mich verblendete der Gram.
118
Zerrüttet herzenstief
119
Von Leidenschaft und Schmerz und Scham
120
Schrieb ich den bösen Brief.

121
Mein Wahn war gut – ich dachte dich
122
Zumal an ihrer Seit;
123
Verachten, rief ich, soll sie mich,
124
Dann ist ihr Herz befreit!

125
Ich stürze mich ins Schlachtgewühl,
126
Ich suche die Gefahr,
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Ich lebte ja, aus Pflichtgefühl,
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Weil ich ein Kriegsmann war.

129
O Lügenweisheit, Gott erbarm!
130
Ich armer Klügler jug
131
Sie der Verzweiflung in den Arm
132
– Ich war im Wahnsinn klug!

133
Nur fort, nur fort! du richte sie
134
Aus Thränen auf am Stab
135
Der Wahrheit, Wahrheit tödtet nie,
136
Doch Untreu wirft ins Grab.«

137
»gott hats gewollt! Ach stirbst du schon?
138
Verzeihung mir und dir!
139
Leb wohl, du Held, du Schmerzensohn!
140
Laß diese Locke mir!«

141
Und Bernhard drückt »den Bruder« heiß
142
Ans Herz und stürmet fort;
143
Er reitet manches Roß in Schweiß
144
Bis er am rechten Ort.

145
»getreu ist Ferdinand vom Trank!
146
Wach auf in deiner Noth!
147
Ein Bruderherz ist ohne Wank,
148
Getreu bis in den Tod.«

149
»was thatest du? Was sprichst du irr?
150
Du blickst so siegeswild,
151
So fremd, ich fürchte mich vor dir
152
Steh Rede – Geisterbild!«

153
»mein Eins und Alles auf der Welt!
154
Ich bins. Bin bei Verstand.
155
Vergiß, vergiß, was dich gequält!
156
Hier Bernhard, Ferdinand!«

157
»was ist Vergessen! Welch Gebot
158
Dem Herzen öd und leer!
159
Mein letztes Hoffen ist der Tod,
160
Und sterben ist nicht schwer.«

161
»du sollst nicht sterben! Lasse dir
162
Erzählen, was ich fand,
163
Was ich gethan, dann weinen wir,
164
Versöhnt um Ferdinand!«

165
Sie weinten um den Todten bald,
166
Der ferne fern genest;
167
Sie fühlen jene Allgewalt,
168
Die Herzen, Schmerzen löst.

169
Sie haben lange stumm gekost,
170
Sie hängen Mund an Mund,
171
Und sanfter Liebe süßer Trost
172
Schließt ihren ewgen Bund.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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