Die festlichen Fahnen flattern –

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Ludwig Eichrodt: Die festlichen Fahnen flattern – Titel entspricht 1. Vers(1859)

1
Die festlichen Fahnen flattern –
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Den König auf hohem Thron
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Erfreueten hundert Siege
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So sehr nicht, als in der Wiege
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Sein neugeborner Sohn.
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Und heller Hörner Schallen
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Erklinget ins Morgenroth,
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Ihr Ruf stets neue Vasallen
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Aufs Königsschloß gebot.

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Das Zechen nahm kein Ende
11
Drei Monden flossen hin,
12
Und sieben Tage drüber,
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Am letzten schlief hinüber
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Die kranke Königin.
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Da schrack der König zusammen,
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Da ließ er löschen zur Zeit
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Die Kerzen und Freudenflammen,
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Da ward ihm prophezeit:

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»es wird ein Jüngling kommen,
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Der Todten an Schönheit gleich,
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Den Jüngling wirst du erschlagen,
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Er hat dir in sieben Tagen
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Zertrümmert Thron und Reich!«
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Da schrack der König zusammen,
25
Da trauert sein Herz aufs Neu,
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In seinen Augen schwammen
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Der Kummer und bittre Reu.

28
Und zwanzig Jahre verflossen,
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Vergessen war längst das Wort –
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Jetzt aber flog von Munde
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Zu Munde schmerzliche Kunde,
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Sie meldete Brand und Mord.
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Gefallen war unvermuthet
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Ein schweifend Volk ins Land,
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So unaufhaltsam fluthet
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Das Meer nicht über den Strand!

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Da sprach zum Sohn der König,
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Und legt aufs schöne Haupt
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Ihm freundlichen Blickes die Rechte,
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»geh hin, mein Sohn, und fechte,
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Sei glücklich« ... ha, was raubt
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Den väterlichen Wangen
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So plötzlich alles Blut,
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Was reißt ihm wie mit Zangen
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Aus seiner Brust den Muth?

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»weh mir! das ist der Jüngling
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Der Todten an Schönheit gleich!
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Sein Anblick ist Erneuung
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Verschollener Prophezeiung –
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Wo ist mein Thron, mein Reich?«
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Und einen bösen Gedanken
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Gibt ihm der Schrecken ein,
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Den schönen Jüngling, den schlanken,
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Will er dem Tode weihn.

55
»auf! eile mein Sohn, beweise,
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Daß du von Helden entstammt,
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Nimm dreißig erlesene Ritter,
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Sei wie ein Morgengewitter,
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Das schmettert wenn es flammt!
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Die Kraft mußt du erproben,
61
Mußt suchen die Gefahr,
62
Die Welt verschmäht zu loben,
63
Wo großer Haufe war.«

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Dem König flüchtig dankend,
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Entfernt sich scheu der Sohn,
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Nicht war dem Klugen entgangen
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Die plötzliche Blässe der Wangen,
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Des Vaters seltsamer Ton.
69
Und mit dem Argwohn flüchten
70
Mocht er zur Amme alt,
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Er frägt nach alten Geschichten,
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Da blutet sein Herz gar bald.

73
Doch Ehre gebeut und rufet
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Den stolzen hinaus ins Feld,
75
Das Schwert klirrt in der Scheide,
76
So zogen auf nächtlicher Haide
77
Die dreißig, voran der Held.
78
Kaum funkelt der Tag, umschwärmen
79
Zahllose Feinde den Troß,
80
Beginnet die Schlacht zu lärmen,
81
Stürzt Reitersmann und Roß.

82
Weh euch, ihr treuen Kämpen,
83
Euch hält umarmt der Tod!
84
Durch eine Herrschergrille
85
Stehn eure Herzen stille –
86
Schlaft still – im Morgenroth!
87
Nur Einer will nicht schwanken,
88
Wo schon das Kämpfen ruht,
89
Die Frühlingskräuter tranken
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Nur seiner Gegner Blut.

91
Der Jüngling wars, der jetzo
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Der fremde Herzog berennt,
93
Der Herzog hoch zu Pferde,
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Er wirft den Jüngling zur Erde
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– Der springet auf behend.
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Da greifen sie zu den Schwerten,
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Da splittert des Jünglings Stahl
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An bessern Stahles Härten,
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Da rollt sein Helm zu Thal.

100
Doch schnell am prallen Haarschmuck
101
Des Hiebes Wucht erlag,
102
Wie golden wallten die Locken!
103
Der Herzog, freudig erschrocken,
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Hält inne mit neuem Schlag.
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Und schon hat Jener erhoben
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Die Keule, zu rächen die Schmach,
107
Er schnellt sie mit rasendem Toben
108
Dem Hiebe des Fremdlings nach.

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Sie sehn ihn wanken, schwanken,
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Und sinken mit ihm ihr Glück;
111
Die fremden Krieger erbleichen,
112
In Furcht und Ehrfurcht weichen
113
Sie vor dem Starken zurück.
114
Der stehet einsam, trauend
115
Dem Schutze der Götter nur,
116
Es staunet der Feind, erschauend
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Die leuchtende Heldenspur.

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Und, die der Tod geschichtet,
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Man hat sie jetzt nicht gezählt,
120
Wohl war der Führer darunter,
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Doch wenn das Heer frisch munter,
122
Was hilfts, wenn der Führer fehlt?
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Der Tapferste wars von Allen –
124
Er mußte es wieder sein –
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Wars keiner seiner Vasallen?
126
Der Jüngling wars allein.

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Sie jauchzen und küren den Helden,
128
Und heben ihn auf den Schild,
129
Der Jüngling wars zufrieden:
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»die Götter haben entschieden,
131
Mein Schicksal sei erfüllt!«
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Wohl muß er die Heimkehr meiden
133
Zum Haus voll Trug und List,
134
Zum Vater, der beim Scheiden
135
Den Kuß des Verräthers geküßt!

136
Wie mit tosendem Gekrache,
137
Von des Wetters Macht zerschellt,
138
Die zertrümmerte Felsenmasse
139
Sich bahnt eine bebende Gasse!
140
Wenn sie fürchterlich winkt, und fällt,
141
– Und donnernd rollt sie die jache
142
Die Wand des Berges herab,
143
Und knickt, als nähme sie Rache,
144
Die Hoffnung des Menschen ab;

145
Ja Rache, weil sie gestürzet
146
Vom herrlichen Wolkenthron;
147
Zerschmettert Wälder und Hütten,
148
Sie begleitet im grausen Verschütten
149
Der Lebendigen Klageton –
150
So läßt sich die Kraft des Rächers
151
Nicht brechen, die Wuth nicht staun,
152
Die blinde, des schrecklichen Zechers
153
In Blut und Menschengraun.

154
Der König in seinem Schlosse
155
War traurig und war froh,
156
Er glaubte den Sohn erschlagen,
157
Er hörte des Volkes Klagen,
158
Sein stolzer Gleichmuth floh.
159
Und heller Hörner Schallen
160
Erklinget ins Morgenroth,
161
Ihr Ruf die schnellen Vasallen
162
Aufs Königsschloß gebot.

163
Sie ritten am siebenten Tage,
164
Zu großer Macht vereint,
165
Der König mit allen Recken,
166
Er wollte strafen den kecken
167
Den übermüthigen Feind.
168
Doch was seine Brust erfülle
169
Das sagt sein klopfend Herz,
170
Sein trotziger Herrscherwille
171
Erschmilzt in tiefen Schmerz.

172
Bald deckte die Schlacht den Anger
173
Mit sterbender Menschheit zu;
174
Es ermatten die feurigen Renner,
175
Vergeblich spornt sie der Männer
176
Gewaltiger Eisenschuh.
177
Noch immer herüber, hinüber
178
Schwanket das Schlachtenglück,
179
Doch immer umflort sich trüber
180
Des Königs düstrer Blick.

181
Da wirbelt ein heißer Südwind
182
Herauf vom nahen Meer,
183
Wild schmerzt die staubge Schwüle,
184
Da flieht in dichtem Gewühle
185
Das müde Königsheer.
186
Der König nur steht mannhaft,
187
Verstummt in sich hinein,
188
Mit letzter Athemspannkraft
189
Mäht er des Feindes Reihn.

190
Und auf einander treffen
191
Jetzund der Vater und Sohn,
192
Der Sohn dem Vater unkenntlich,
193
Der Vater dem Sohn unendlich
194
Verhaßt wie der Hölle Schlund.
195
Doch – soll der Sohn bestürmen
196
Den Vater mit scharfem Tod?
197
Ziemt Flucht? Sich selber schirmen
198
Heißt ihn die grimmige Noth.

199
Wie da der Mann, der starke,
200
Den Jüngling hart bestritt!
201
Dem stund in solchem Streite
202
Kein Jugendfeuer zur Seite,
203
Das reife Kraft vertritt.
204
Den Vater galts zu schonen,
205
Und doch zu retten den Schein
206
Der Tapferkeit. Wie lohnen
207
Die Götter so herber Pein?

208
Und sieh, da rollet wieder
209
Des Jünglings Helm zu Thal;
210
Des Königs Hiebe flammen –
211
Der König schrickt zusammen,
212
Der Sohn erbleicht zumal.
213
Und auf den schönen Todten
214
Starrt hin des Vaters Schmerz;
215
Der König rasselt zu Boden
216
– Gebrochen war sein Herz.

217
Es staunen die fremden Horden
218
Am unheilvollen Ort.
219
So redete wahr die Stimme,
220
So war erfüllt das schlimme,
221
Das alte, verschollene Wort.
222
Vom Könige selbst erschlagen
223
Der Jüngling, an Schönheit gleich
224
Der Mutter – in sieben Tagen
225
Zertrümmert Thron und Reich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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