Schweigend unter den Genossen

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Ludwig Eichrodt: Schweigend unter den Genossen Titel entspricht 1. Vers(1859)

1
Schweigend unter den Genossen,
2
Wie ers nie gewohnt,
3
Wandelt Roga, gramverschlossen,
4
Bleich wie dort der Mond.
5
Stolzer Roga, Sänger, Räuber,
6
Soll dein Ruhm verwehn,
7
Kühner Roga, Stern der Weiber,
8
Willst du untergehn?

9
»euch zu fliehen, war mein Wille,
10
Aber ich bezwang
11
Mein Gemüth«, so bricht die Stille
12
Roga mit Gesang;
13
Nimmt die Laute, die vertraute,
14
Die ihm Gott beschied,
15
Und die Männerzähre thaute
16
Seinem letzten Lied:

17
»unterm Schatten der Olive,
18
Auf dem weichen Moos,
19
Lag ein Held, als ob er schliefe,
20
Magdalan im Schoos –
21
Aber diese schönen Wangen,
22
Abendstrahlbegrüßt,
23
Ruhend an der Brust der Bangen,
24
Hat der Tod geküßt.«

25
»und die Hand des Todten führte
26
Sie zum heißen Mund –
27
Wie mich die Bewegung rührte,
28
Thut euch Niemand kund –
29
Wiegt in träumenden Gedanken
30
Seine Arme, die
31
Wieder ihrer Hand entsanken,
32
Und dann weinte sie,«

33
»von dem Hügel stieg ich nieder,
34
Trat mit Scheu heran,
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Wandte weg die Augenlieder,
36
Weil die Thräne rann;
37
Aber schauen mußt ich wieder,
38
Nur nach ihr, ich stand
39
Von der Züge, von der Glieder
40
Anmuth festgebannt.«

41
»meinem Bruder, sprach die Reine
42
Brach das Augenlicht;
43
Mitleid, Fremdling, haben Steine,
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Menschen Mitleid nicht.
45
Räuber haben ihn erschlagen,
46
Welcher der Gefahr
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In des Lebens Maientagen
48
Nicht gewachsen war.«

49
»als er heimwärts seine Schritte
50
Lenkte von der Jagd,
51
Hat er, ritterlicher Sitte,
52
Tollen Kampf gewagt.
53
Räuber haben ihn erschlagen –
54
Ach, wo ist ein Freund,
55
Der den Jüngling ohne Zagen
56
Rächet, wenn beweint!«

57
»als ich dieser Trauerzüge
58
Hohe Schönheit sah,
59
Glaubt ich nimmer, daß ichs trüge,
60
Was ich fühlte da.
61
Blicke, die aus Thränen flammen,
62
Und der heilge Schmerz,
63
Schnürten mir die Brust zusammen,
64
Schnitten mir ins Herz.«

65
»ihrer schmerzbeklommnen Rede
66
Nie vernommner Ton
67
Trieb mir aus der Brust die Fehde,
68
Meinen Haß und Hohn;
69
Ungekannter Regung Gluten
70
Fühlt ich, wie sie sprach,
71
Mich durchfluthen, mich durchbluten,
72
Bis mein Trotz erlag.«

73
»und ich rief, in Lieb entglommen:
74
Hast du keinen Freund,
75
Hat doch Roga dich vernommen,
76
Hab doch ich geweint
77
Dieser Mord – war meiner Brüder
78
Grauser Zeitvertreib,
79
Du gibst mich den Menschen wieder,
80
– Mädchen, sei mein Weib!«

81
»laß mich deiner seelenvollen,
82
Strahlenden Gestalt
83
Feurige Bewundrung zollen,
84
Bis mein Wort verhallt;
85
Bis der Athem aus dem Busen
86
Nimmer kehrend geht,
87
Bis verlassen von den Musen
88
Dieser Geist verweht!«

89
»aber sie, wie eine Rose,
90
Wenn die Knospe bricht,
91
Hob sich leuchtend aus dem Moose,
92
Glut im Angesicht –
93
Und mit Augen, wundersamen,
94
Stolz und sternenkalt,
95
Daß mich Schauer überkamen,
96
Schreitet sie zum Wald.«

97
»und sie ließ mich bei dem Todten,
98
Wo ich, wie gebannt,
99
Wie gewurzelt in den Boden,
100
Lange starrend stand;
101
Bis mich Nacht und Donner schreckten,
102
Und der Eulen Schrei,
103
Bis mich wilde Blitze weckten
104
Aus der Träumerei.«

105
»alle Wälder, alle Fluren,
106
Stadt und Burg und Land
107
Forscht ich aus nach ihren Spuren,
108
Die ich nirgends fand.
109
Und der Abend sah mich wieder
110
Am Olivenbaum,
111
In der Brust der Qualen Hyder
112
Und das Haupt voll Traum.«

113
»doch wo ist der Jüngling heute?
114
Wo die Schwester, wo?
115
Wieder schaut ich starr ins Weite,
116
Hin, wo sie entfloh.
117
Lange bin ich so gestanden,
118
Habe so gestarrt,
119
Bis die Sterne wieder schwanden
120
Und es Morgen ward.«

121
»ach! und von der Wunderbaren,
122
Der mein Lied erklang,
123
Hab ich nimmer was erfahren,
124
Tage, Monden lang –
125
Magdala, der theure Name,
126
Süß in jedem Mund,
127
Ward mir einzig von der Dame
128
Meines Herzens kund.«

129
»nun versandet ohne Gnade
130
Liegt des Friedens Born;
131
Meines Lebens sichre Pfade
132
Haben sich verworrn.
133
Dem Vollkommensten der Wesen,
134
Das ich schauen sollt,
135
Blutge Trübsal auserlesen
136
Hab ich nicht gewollt.«

137
»wilde Brüder, Waldgenossen,
138
Meiden muß ich euch,
139
Denn ihr habt ein Blut vergossen
140
Außer meinem Reich –
141
Roga wankt, der heldenkühne,
142
Ihr macht Roga bleich,
143
Aber eine große Sühne
144
Biet ich mir und euch!«

145
»wilde Brüder, Waldgenossen,
146
Horcht, gehorchet mir!
147
Meinen Tod hab ich beschlossen,
148
Sterben will ich hier.
149
Kann, o kann das Herz noch pochen,
150
Hat das Leben Sinn,
151
Wenn der Seele Schwert zerbrochen,
152
Wenn der Muth dahin?«

153
»lasset eure Dolche blitzen
154
In des Mondes Schein!
155
Taucht die so geweihten Spitzen
156
Tief ins Herz mir ein!
157
Bis der Athem aus dem Busen
158
Nimmer kehrend geht,
159
Bis verlassen von den Musen
160
Dieser Geist verweht!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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