Der Hirt

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Ludwig Eichrodt: Der Hirt (1859)

1
Kommt die Nacht mit ihren kühlen Schatten
2
Ueber alles Land;
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Schwer bedunkelt schlafen schon die Matten
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An der Felsenwand.
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Und herüber zieht der Wind,
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Leiser Schauer faßt die Glieder –
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O mein liebes Kind,
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Wann sehen wir uns wieder?

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Fand dich nicht zu Hause bei den Eltern,
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Fand dich nicht bei mir,
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Frühe sucht ich dich auf allen Feldern
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Und am Abend hier.
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Keinen Gruß, kein Lebewohl?
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Tiefe Nacht und tiefes Schweigen –
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O mein Kind schlaf wohl,
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Bis die Lerchen steigen.

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Auf den Fluren bin ich noch alleine
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Und mein Herz mit mir.
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Sieh! der Mond mit liebetrautem Scheine
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Kommt die Wolken für.
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O du treues, goldnes Licht!
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Leuchte mir zu nächtgen Schritten,
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Weißt was mir gebricht,
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Was ich schon gelitten.

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Berge starren, dunkle Wälder rauschen,
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Heilig ist es hier.
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Wind und Wellen will ich scheu belauschen,
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Flüstern sie von dir?
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Von den Wiesen steigt der Duft,
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Sanfte Geister weben drinnen,
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Bis der Morgen ruft
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Und sie scheucht von hinnen.

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Manche Nacht schon bin ich umgewandelt,
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Mutterseelenallein,
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Was die Sternlein unter sich verhandelt,
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Ist Geheimniß mein.
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Und ihr Schweigen auch ist Gold,
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Viele wissens nicht zu deuten,
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Aber wem sie hold,
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Dem gelingts bei Zeiten.

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Du, nur du, mein Engel, sollst erfahren
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Was ich hier gehört,
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Und ich wills im stillen Busen wahren,
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Bis ich dichs gelehrt.
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Glücklich werden wir einmal!
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Dieses mögen Alle hören –
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Wenn wir uns einmal
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Einzig angehören.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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