Ein Poet

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Ludwig Eichrodt: Ein Poet (1859)

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Kennt ihr den unglückselgen,
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Den übermüthgen Mann,
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Den wunderbaren, welchen
4
Niemand begreifen kann!

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Ihr wißt, daß keinen Richter
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Er über sich erkennt,
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Und nennt ihn einen Dichter,
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Wie er sich selber nennt.

9
Ihr lauschet seinen Tönen
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Der Eine aber fühlt
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Von allen Erdensöhnen
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Wie Lorbeer brennt und kühlt!

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Zugleich in Lust und Schmerzen
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Ist er entzückt, betrübt,
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Und oft vom selben Herzen
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Gehaßt und heißgeliebt.

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Sein Schicksal ist, zu schauen
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Zukünftiges und doch
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Am alten Räthsel kauen,
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Doch ziehn im ewgen Joch.

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Mit Träumen, mit Gedanken,
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Mit Prüfung bester Kraft
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Zu schwelgen oder kranken
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In jeder Leidenschaft.

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Was Alles einst empfunden,
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Von Andern ward gelebt,
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Ihm schlägt es frische Wunden,
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Die er durchs Leben schleppt!

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Und so ihm der Pelide
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Vors Auge treten will,
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Da weicht von ihm der Friede,
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Er selber ist Achill.

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Die Meergöttinnen klagen,
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Er sitzt am Strand und weint,
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Patroklos ist erschlagen,
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Patroklos war sein Freund.

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Er grollt, er weint, es schäumet
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Hochauf das Meer, er starrt
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Hinein, vergißt, versäumet
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Den Wink der Gegenwart.

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Erschrecket nicht, zu lesen
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An seiner Stirn, daß er
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Der Kain einst gewesen,
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Und einst der Ahasver.

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Der Menschheit tausendfältgen
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Geheimsten Kummer muß
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In seinem Selbst bewältgen
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Der stolze Genius.

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In seinem Busen sammelt
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Sich auf das Weh der Welt,
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Doch keine Demuth stammelt
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Der narbenvolle Held.

53
Mit Trost sich selbst zu täuschen,
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Zu göttlich, folgt er nur
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Dem hellen Ruf der keuschen,
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Der innersten Natur.

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Die ihr so unanstellig
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Ihn findet zum Geschäft
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Des Tages, selbstgefällig
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An Klugheit übertrefft.

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Die ihr ihn sein bewitzelt,
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Und meidet seinen Pfad –
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O eure Seelen kitzelt
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Sein Wort und seine That.

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Umsonst, daß ihr ihn heißet
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Heil suchen anderwärts;
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Was wollt ihr thun, ihr reißet
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Aus seiner Brust das Herz!

69
Fürwahr ihm lohnt Verkennung,
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So tief er fühlt und ringt,
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Daß jeder Tag ihm Trennung
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Auch von dem Liebsten bringt.

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Auf seinen wilden Wegen
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Kommt nimmermehr das Glück
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Dem Schmachtenden entgegen
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Mit Grüßen in dem Blick.

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Ihm ist kein Seelensrieden,
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Ihm ist nicht Ruh, nicht Ziel,
79
Kein Heimathland beschieden,
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Kaum irgend – ein Asyl.

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Von Wenigen verstanden,
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Von Keinem ganz erfaßt,
83
Nimmt er den Stab zu Handen
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Und will auch keine Rast.

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So treibt es ihn, zu schweifen,
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Unstäten Geistes Kind,
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Und seine Früchte reifen
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In Wetter und in Wind.

89
Sie reifen, wie die Sonne
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Von Land zu Land von Pol
91
Zu Pol ihm Leid und Wonne
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Ihm reifte Weh und Wohl.

93
Dann strömet seine Leier
94
So klare Töne aus,
95
Und nimmer kühner freier
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Voll süßem Seelengraus!

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Wohl tief, ach tief von innen
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Entquillt der reiche Klang,
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Sein Herzblut muß verrinnen
100
Mit jenem schönsten Sang.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Eichrodt
(18271892)

* 01.01.1827 in Durlach, † 01.01.1892 in Lahr/Schwarzwald

männlich, geb. Eichrodt

deutscher humoristischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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