Melodie! du Laut aus höherm Leben!

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis: Melodie! du Laut aus höherm Leben! Titel entspricht 1. Vers(1798)

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Melodie! du Laut aus höherm Leben!
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Deiner Ätherschwingen reinstes Streben
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Würde zum Unendlichen sich heben;
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Doch ein Schall, der flüchtige, vertönt,
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Hallt kein beßrer Wohllaut uns von innen,
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Der, was hier verklang an äußern Sinnen,
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Dauernder zum Geistigen verschönt!

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Durch des Lebens Kränz' und seine Flittern
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Stürmt das Schicksal oft aus Nachtgewittern,
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Und die bang' verscheuchten Tön' erzittern,
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Wie verwehter Freuden Blütenhauch.
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Alles Schöne muß verblüht entschweben;
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Die Empfindung flieht, es flieht das Leben,
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Und des Wohllauts Strom entrinnet auch.

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Soll die Fülle seiner Harmonieen
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Leuchtend durch des Lebens Thale ziehen,
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Darf die Glut der Rührung nie verglühen,
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Die der Geister Sonn' auf ihn ergoß.
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Wie vom Engel, der die Wolken teilte,
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Spät noch Licht auf jenem Teiche weilte,
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Und die Heilungskraft, die ihm entfloß.

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Nicht dem Ohre schmeichelnd nur zu kosen, –
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Zur Erquickung dem Erquickungslosen,
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Flößt das Öl aus deinen Himmelsrosen
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Holdes Labsal in des Menschen Herz! –
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In der Töne zarten Knospen liegen
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Leise Wehmut, rührendes Vergnügen
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Und der Sehnsucht wonnevoller Schmerz.

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Hellas Tochter! holdeste Aöde!
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Dort in Chören sang dir der Tragöde,
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Dort beseeltest du der Suada Rede,
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Schwebtest auf der Dichtung reichem Strom;
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Schwandest dann, verklärter zu erscheinen,
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Stiegst in Hymnen christlicher Gemeinen
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Durch des Tempels Dom zum Sternendom!

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Heil'ge Andacht, tief und doch erhaben,
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Nährtest du des Glaubens Himmelsgaben,
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Märtyrer im Todeskampf zu laben,
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Lichte Hoffnung, frommes Gottvertrau'n;
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Gabst Choral und Psalm die höchsten Weihen,
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Und erhellst mit leisen Litaneien
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Sterbenden des offnen Grabes Grau'n.

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Täuschung wärest du, und bald entflohen,
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Was den Mut erhebt, wo Stürme drohen?
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Was die Heere stärkt, und die Heroen
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Zart zu schonen – kühn zu sterben drang?
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Was, wie Spartas Helden, edle Streiter
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In die Schlachten führet freudig heiter,
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Ihr Gedächtnis feiert im Gesang? –

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Woll' auch uns nicht wirkungslos entschwinden;
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Immer sollst du offne Herzen finden
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Und zu schönen Zwecken sie verbinden,
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Die Gemüter stimmen rein und klar!
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Und des Vaterlandes edle Söhne,
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Seiner sanften Töchter Seelentöne,
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Bringen dir ein würdig Opfer dar!

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Sanft entström aus weiblich milder Kehle,
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Mit Gedanken einer Engelsseele!
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Ausdrucksvoller selbst als Philomele
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Töne, was ein fühlend Herz erfuhr!
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Unsern Busen lindernd zu erweiten,
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Sende du, die Seufzer zu begleiten,
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Stimmen sanfter Töchter der Natur!

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Jedem Sennenhorn auf Tannenhöhen,
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Dem bekränzten Kahn auf Alpenseen
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Müssen reine Jubel nur entwehen!
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Kühner Sinn veredle jedes Lied!
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Reine Freiheit höre rein sich grüßen,
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Künde weit im Land zu unsern Füßen,
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Daß sie nie aus edeln Herzen schied!

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Tön aus jeder Brust im Vollergusse,
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Und entzieh uns flüchtigem Genusse;
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Stärke dann zu heiligem Entschlusse;
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Rüste jeden Laut mit Kraft und Geist!
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Weih uns, fest das Schicksal zu ertragen,
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Und das Höchste für die Pflicht zu wagen,
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Und den Aufschwung, der von Staub entreißt!

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Einst zerfallen dir des Raumes Schranken;
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Ewige, melodische Gedanken
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Steigen, wenn des Kerkers Decken sanken,
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Aus der Erdentöne Hüll' empor,
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Wie des Schwanen Lied, wenn mit Gesange
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Er zum Himmel stieg, im Sphärenklange
84
Schwindend, sich, ein Geisterlaut, verlor.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis
(17621834)

* 26.12.1762 in Schloss Bothmar, † 29.01.1834 in Schloss Bothmar

männlich, geb. Salis

Schweizer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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