53. Gesang an die Harmonie

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis: 53. Gesang an die Harmonie (1798)

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Schöpferin beseelter Töne,
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Nachklang, dem Olymp enthallt!
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Holde, körperlose Schöne,
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Sanfte, geistige Gewalt,
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Die das Herz der Erdensöhne
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Kühn erhebt und mild umwallt!
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Die in innrer Stürme Drange
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Labt mit stillender Magie,
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Komm mit deinem Sühngesange,
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Himmelstochter, Harmonie!

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Seufzer, die das Herz erstickte,
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Das, mißkannt, sich endlich schloß –
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Thränen, die das Aug' zerdrückte,
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Das einst viel' umsonst vergoß,
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Dankt dir wieder der Entzückte,
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Den dein Labequell umfloß.
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Der Empfindung zarte Blume,
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Die manch frost'ger Blick versengt,
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Blüht erquickt im Heiligtume
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Einer Brust, die du getränkt.

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Des Vergangnen Traumgebilde,
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Amors Morgenphantasien,
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Heißt dein Ruf, so still wie milde
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Mondesschatten, uns umziehn;
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Auf des Lebens Herbstgefilde
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Längst verwelkte Veilchen blühn.
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Süßer Täuschung Zauberblüte,
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Die Erfahrung knickt und rafft,
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Weckt im ödesten Gemüte
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Deines Wohllauts Schöpfungskraft.

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Holder, nun ein süßes Wähnen,
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Kehrt das Bild verfloßner Zeit;
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Zarter strebt der Liebe Sehnen,
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Milder glüht die Innigkeit,
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Wenn dein Chor den Trauerscenen
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Höhern Trost und Anmut leiht –
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Giebt, wo Worte nichts vermögen,
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Labsal dem zerstörten Geist;
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Der Ergebung stillen Segen,
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Wo die Thrän' erschöpfend fleußt

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Hefte auf die lichtern Stellen
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Unsrer Bahn der Schwermut Blick,
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Trag den Geist auf Wohllautswellen
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In ein Friedensland zurück;
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Solch ein Leben zu erhellen
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Braucht man Täuschung und Musik!
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Wo der Sturm des Zeitenganges
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Meist der Bessern Plan zerreißt,
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Träufl' im Balsam des Gesanges
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Hoffnung in der Edeln Geist.

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Komm, Momente zu verschönen
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Dem, der nicht der Zukunft traut;
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Schleuß den Blick mit Schlummertönen,
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Der zu starr ins Dunkel schaut;
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Wie den Säugling beim Entwöhnen
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Eines Wiegenliedes Laut,
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Lull auch uns in goldne Träume
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Einer bessern innern Welt,
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Bis ein sanftres Licht die Räume
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Unsers Kerkers still erhellt.

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Engel! den zum Seelenkranken
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Sanftes Mitleid niederträgt;
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Der erquickende Gedanken
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In der Töne Hülle legt;
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Lindernd, statt der Dornenranken,
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Seinen Fittig um ihn schlägt:
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Dem kein Erdentrost geblieben,
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Seiner stummen Schwermut treu,
69
Lehr ihn weinen, lehr ihn lieben,
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Und sein Leben blüht ihm neu.

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Gabe, Sterblichen verliehen,
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Zart Gefühltes, scheu verhehlt,
73
Zu vertraun an Melodieen,
74
Süße Macht, die nie verfehlt
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Seel' an Seele hinzuziehen! –
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Was beseligt, was uns quält,
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Was mit Worten auszudrücken
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Keiner Sprache Kraft gelang:
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Sehnsucht, Schauer und Entzücken
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Zu ergießen im Gesang.

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Stimm' aus jenen lichtern Sphären,
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Sprach' aus Psyches Vaterland,
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Mit des Heimelns süßen Zähren
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Hier im fremden Thal erkannt –
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Ach! sie fühlt noch ihr Begehren,
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Höhern Zonen zugewandt;
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Kennt die Sprache mehr als Worte
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Und vernimmt der Seelen Ton;
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Wähnt sich an des Himmels Pforte,
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Der Verbannung Kluft entflohn.

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Tön' in leisen Sterbechören
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Durch des Todes Nacht uns vor!
93
Bei des äußern Sinns Zerstören
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Weile in des Geistes Ohr!
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Die der Erde nicht gehören,
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Heb mit Schwanensang empor!
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Löse sanft des Lebens Bande,
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Mildre Kampf und Agonie,
99
Und empfang im Seelenlande
100
Uns, o Seraph-Harmonie!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis
(17621834)

* 26.12.1762 in Schloss Bothmar, † 29.01.1834 in Schloss Bothmar

männlich, geb. Salis

Schweizer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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