51. Andenken an die Abwesenden

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis: 51. Andenken an die Abwesenden (1798)

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Wenn sich durch der Entfernung dichten Schleier
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Uns euer Bild, ihr Trautesten, enthüllt,
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Und unser Blick, gesenkt zu stiller Feier,
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Wie Tau zerfließt, der dunkle Blumen füllt –
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Wie beim Verstummen der entlegnen Leier
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Ein Klang aus gleichgestimmten Saiten quillt,
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Erhallt im Busen uns mit geist'gem Laute
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Das Wort, das euer Herz uns einst vertraute.

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Doch dämmernd, wie durch vorgesunkne Flöre,
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Ein magisches, verblichnes Luftgesicht,
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Zu zart, daß es den Sinnen angehöre,
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Schwimmt euer Blick in der Erinn'rung Licht.
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So hinter Wolken hellt die Atmosphäre
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Der Mond; man sieht den Schein, sein Antlitz nicht,
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Und wähnt, sein Schimmer zittre auf den Wellen,
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Die des Entschwundnen Blicke noch erhellen.

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Um unsern Sinn in Prüfungsglut zu läutern,
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Reißt das Geschick uns oft von Freundes Hand;
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Da, wo die fremden Flächen sich erweitern,
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Zieht Sehnsucht enger noch ihr Seelenband;
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Nur Schatten des Vergangnen zu Begleitern,
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Durchwandelt Psyche der Verbannung Land,
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Daß die Verlaßne, tief in öder Ferne,
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Die Liebe zu dem Unsichtbaren lerne.

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Sieh, Amor hat sich ihrem Blick entzogen,
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Denn ihm gebot des Schicksals ernster Schluß,
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Doch unsichtbar zieht er mit ihr, den Bogen
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Zum Schuß gespannt – ein mildrer Genius;
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Ihr Leitgestirn bleibt auch durch Sturm und Wogen
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Des Gottes Fackel; rein wie Geisterkuß
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Umweht sein Hauch ihr kühlend Stirn und Wangen,
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Und übersinnlich glüht nun ihr Verlangen.

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Auch jene Schatten, die uns treu geleiten,
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Wo unser Pfad in Wüsten sich verwebt,
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Sind rein, gleich den von Erdenstoff Befreiten,
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Sind lauter Geist, an dem kein Staub mehr klebt.
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Hier lernt man unsrer Sehnsucht Zweck zu deuten,
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Die stets der engen Gegenwart entstrebt;
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So lang des Daseins Dämm'rungsstunden währen,
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Kann nur Entferntes sich für uns verklären.

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Oft, wenn der Trennung Seelenwunden bluten,
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Wenn Sorglichkeit und Ahnung uns bedrängt,
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Weil nur noch von entflohenen Minuten
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Die Gegenwart den dürft'gen Trost empfängt –
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Ach! nur ein ungesichertes Vermuten,
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Was jetzt das Schicksal über sie verhängt,
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Ein Echo, hergeweht aus ihrem Leben,
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Kann nur von dem Vergangnen Kunde geben.

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Kann Sehnsucht nie der Seelen Kraft erhöhen?
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Wenn reines Streben unsern Geist erhebt,
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Verkündet oft ein ahnungsvolles Wehen,
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Daß ein verwandtes Wesen uns umschwebt.
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Auch Amor braucht das Äußre nicht zu sehen,
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Ein Bild genügt, das tief im Herzen lebt;
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Ein Traum von den Geliebten, kurz und flüchtig,
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Ist schönen Seelen immer süß und wichtig.

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Aus Morgentau und Blütenkelchen ziehen
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Die Bienen ihre zarte, süße Kost;
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Auch Sehnsucht hängt am Kelch der Phantasieen
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Und saugt aus Thränentau den süßen Trost;
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Die Blumen, aus der Geisterwelt entliehen,
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Versenget nie des kalten Daseins Frost;
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Erinn'rung malt ihr, wie auf klaren Teichen,
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Ein hold'res Bild als das, was wir erreichen.

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Das Schönste, was hienieden uns erscheinet,
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Ist immer noch mit rohem Stoff verwebt.
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Ihr, die nach dem, was ewig uns vereinet,
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Nach Freundschaft, die unendlich dauert, strebt,
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Nach einem Wiederfinden all' der Seinen,
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Die man vor uns und einst nach uns begräbt,
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Durchdringt die Wolke, die das Grab umdüstert:
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Die Edeln bleiben ewig sich verschwistert.

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Getrost! es hüllt, wie Duft die niedern Auen,
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Auch unser Herz noch oft der Schwermut Flor;
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Der Hoffnung Glanz im nassen Auge, schauen
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Wir zu des ew'gen Aufgangs Höh' empor;
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Hoch über Sternen kennet das Vertrauen
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Den Sammelplatz des, was sich hier verlor;
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Nichts trennt die Geister – Eine hehre Halle,
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Die Welt des Herrn, faßt und umfängt uns alle.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis
(17621834)

* 26.12.1762 in Schloss Bothmar, † 29.01.1834 in Schloss Bothmar

männlich, geb. Salis

Schweizer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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