46. Der Gottesacker im Vorfrühling

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis: 46. Der Gottesacker im Vorfrühling (1798)

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Blätter treibt des Kirchhofs Flieder,
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Neigt auf Grüfte junges Laub;
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Kirschenblüte gaukelt nieder
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Auf der Abgeschiednen Staub.
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Bleicher Primeln Keime lüpfen
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Sanft das Moos, das sie umgab;
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Und des Dorfes Kinder hüpfen
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Achtlos auf der Mütter Grab.

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Junges Sinngrün drängt sich dichter
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An des Jünglings flachen Stein,
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Öffnet blauer Blumen Trichter,
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Saugt zerfloßnen Reifen ein.
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Schlaff gedrückte Halme richten
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Sich vom Winterschlaf empor,
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Und in naher Waldung Fichten
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Flötet laut ein Drosselchor.

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Drosseln, singt in leisen Chören!
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Amsel, flöt im Trauerhain!
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Nur wir Hinterbliebnen hören
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Eure Frühlingsmelode'n.
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Ach! ihr mahnt an die Genossen,
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Die ein früher Tod verklärt;
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An die Lenze, die verflossen,
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An die Zeit, die nimmer kehrt!

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Flötet nur gelaßne Klage,
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Hemmt der Trauertöne Lauf;
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Denn sie nahm von dunkler Tage
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Letzter Stuf' ihr Engel auf.
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Kies und dunkle Schollen warfen
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Wir auf den versenkten Sarg,
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Als, begrüßt von Himmelsharfen,
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Sich ihr Geist in Licht uns barg.

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In des Geisterreiches Stille
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Tobt kein Sturm der Leidenschaft,
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Und des Guten reiner Wille
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Lohnt sich durch erhöhte Kraft;
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Seelen, fremd im öden Thale
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Der umschränkten Wirklichkeit,
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Fanden froh die Ideale
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Seliger Vollkommenheit.

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Ihre Schwächen sind vergessen,
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Groll und Zwietracht sind versöhnt,
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Wo die Reue mit Cypressen
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Der Gekrönten Stätte krönt.
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Aus des niedern Neides Schranke
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Zu des Friedens Höh' entrückt,
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Ritzt sie nie der Bosheit Ranke,
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Die des Edeln Pfad umstrickt.

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Kühler Rasen überschleiert
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Sorgsam der Verwesung Spur;
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Auf des Moders Halle feiert
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Frühlingsfeste die Natur;
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Und die Thräne der Empfindung,
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Wenn ihr Grabgeläut' verklingt,
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Schmückt die Kette der Verbindung,
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Die ins Geisterreich sich schlingt.

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Auf den Gräbern unsrer Väter
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Sprießt des Erdrauchs Purpurstrauß,
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Ein entwölkter lautrer Äther
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Überwölkt ihr enges Haus;
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Auf vermorschter Särge Reste,
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Auf zerbröckeltes Gebein,
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Wallt durch weiße Blütenäste
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Goldner Frühlingsmorgenschein.

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Selbst wo rasenlos und mürbe
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Sich ein neuer Hügel hebt,
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Wo man den, der heute stürbe,
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An die Reihe hin begräbt,
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Wird der Grund sich bald behalmen;
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Wo jetzt Wermutstengel stehn,
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Hebt die Hoffnung Siegespalmen
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Für das große Wiedersehn.

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Drückt euch dicht, ihr Epheuzweige,
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An der Dulder stilles Grab!
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Schlaffe Trauerweide, neige
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Dein Gelocke tief herab!
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Flattert drüber, Hängebirken,
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Dämpft den Tag umher durch Laub,
79
Und, Natur, mit leisem Wirken
80
Wandl' in Blumen ihren Staub!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis
(17621834)

* 26.12.1762 in Schloss Bothmar, † 29.01.1834 in Schloss Bothmar

männlich, geb. Salis

Schweizer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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