22. Letzter Wunsch

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis: 22. Letzter Wunsch (1798)

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Wann, o Schicksal! wann wird endlich
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Mir mein letzter Wunsch gewährt?
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Nur ein Hüttchen, still und ländlich,
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Nur ein kleiner eigner Herd;
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Und ein Freund, bewährt und weise,
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Freiheit, Heiterkeit und Ruh'!
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Ach und sie! das seufz' ich leise,
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Zur Gefährtin sie dazu.

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Wenn ich noch ein Gärtchen hätte,
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Bauten wir's mit eigner Hand.
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Statt geschorener Boskette
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Und der Hagenbuchenwand
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Dämmert' uns ein Dach von Latten,
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Dicht mit Rebengrün bedeckt,
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Tief in Silbertannenschatten
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Vor des Neides Blick versteckt.

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Statt Kanäl' und Gartenteiche
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Nur ein Röhrenbrunnentrog;
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Statt Alleen und Taxussträuche
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Früchte, die ich selbst erzog,
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Durch ein Gatter, nur von Pfählen,
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Durch den Vorhof, eng und klein,
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Eilt' ich, statt nach Marmorsälen,
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In ihr trautes Kämmerlein.

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Bei des heitern Morgens Frische
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Hörten wir im Buchenhain,
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Dort am Wasser im Gebüsche,
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Nachtigallenmelodein.
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Auch begänne sie Gesänge,
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Wäre Philomel' entflohn,
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Und in meine Seele dränge
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Tiefer noch ihr süßer Ton.

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Unterm Strauch voll Hagerosen,
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Auf dem rotbeblümten Klee,
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Könnten wir so traulich kosen,
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Wie auf seidnem Kanapee.
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In dem Duft entblühter Bohnen,
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Unter Pappeln, hoch und schlank,
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Bauten wir, trotz goldnen Thronen,
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Eine kleine Bretterbank.

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Beeren, die ihr Finger drückte,
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Honig, der der Wab' entfloß,
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Kräuter, die vom Beet' sie pflückte,
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Milch, die sie in Schalen goß:
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Ha! bei solchem Göttermahle
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Säßen wir, wie froh, wie stolz!
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Wär' auch Löffel, Kelch und Schale
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Nur aus weißem Buchenholz.

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Mit den holden Dörferinnen,
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Nach der Weidenpfeife Schall,
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Einen Maientanz beginnen,
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Gält' uns mehr als Maskenball.
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Lieber, als der Prunk der Bühnen
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Dem verwöhnten Städterschwarm,
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Wär' ein Pfänderspiel im Grünen
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Mir an meines Mädchens Arm.

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In gestirnten Sommernächten,
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Wenn der Mond die Schatten hellt,
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Wallte sie an meiner Rechten,
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Durch das taubeträufte Feld.
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Oft zum milden Abendsterne
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Hüb' ich den entzückten Blick;
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Öfter senkt' ich ihn, wie gerne!
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Auf ihr blaues Aug' zurück.

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Vieles wünscht' ich sonst vergebens!
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Jetzo nur zum letztenmal
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Für den Abend meines Lebens
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Irgendwo ein Friedensthal;
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Edle Muß' in eigner Wohnung,
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Und ein Weib voll Zärtlichkeit,
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Das, der Treue zur Belohnung,
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Auf mein Grab ein Veilchen streut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis
(17621834)

* 26.12.1762 in Schloss Bothmar, † 29.01.1834 in Schloss Bothmar

männlich, geb. Salis

Schweizer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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