Das kaiserliche Schreiben

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Conrad Ferdinand Meyer: Das kaiserliche Schreiben (1889)

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Petrus, schreib – zu seinem Kanzler
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sprach's der gramverstörte Staufen –
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Satteln sollen meine Boten,
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hundert Rosse sollen laufen!
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Meinen Eignen, meinen Städtern,
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meinen Pfaffen und Baronen!
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Dem Geringsten wie dem Höchsten!
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allen, die das Reich bewohnen!
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Klage! Klage! Totenklage!
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Meinen Sohn hab ich verloren...
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Heinrich mit den finstern Locken...
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den Konstanze mir geboren
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Der das Reich verriet... dem eignen
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Vater brach das Lehnsversprechen...
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Den ich beugen, beugen mußte,
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dessen Trotz ich mußte brechen...
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Lange brütet' er im Kerker –
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endlich hat er mich gerufen –
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Da ich kam, flog er vorüber,
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flog empor die Wendelstufen –
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Wieder war's, als ob, verzweifelnd,
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er vom höchsten Söller riefe –
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Da! Der Knabe springt vor meinen
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Augen in die Todestiefe!
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Jammeranblick ohnegleichen!
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Kommt, daß wir zusammen klagen!
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Helft mir meine schlimmen Träume,
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meine Nachtgedanken tragen! –
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Könnt ich ihn erwecken, nimmer
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würd ich aus dem Arm ihn lassen!
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Saget, ist es nicht entsetzlich,
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daß mein Kind mich mußte hassen?
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Petrus, zeig mir was du schreibest!
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Willst du mir den Mund verhalten?
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Über meine Qualen wirfst du
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würdevolle Purpurfalten?
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Meines Knaben Schrei erstickst du?
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Meine Tränen sind verboten?
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Kanzler Petrus, schreibe Wahrheit
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über mich und meinen Toten!
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Reden will ich zu den Vätern:
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Sagt mir, würdet ihr nicht einen
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Knaben, der euch Not und dunkeln
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Kummer brachte, doch beweinen?
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Den ihr in der Wiege küßtet –
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ob er auch ein Arger wäre –
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Wenn er ginge zu den Schatten,
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weigertet ihr ihm die Zähre?
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Prüfet eure Herzen, Väter!
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Was wir von den Kindern dulden,
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Ist es nicht gerechte Sühne,
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nicht das eigene Verschulden?...
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Petrus, du erschrickst, so ende!
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Ende mit dem kurzgefaßten
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Reichsbefehl: Wir ordnen Trauer
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an für diesen Frühverblaßten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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