Schutzgeister

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Conrad Ferdinand Meyer: Schutzgeister (1861)

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Nahe wieder sah ich glänzen
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Meiner Firne scharfe Grenzen,
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Meiner Alpen weiße Bünde,
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Wurzelnd tief im Kern der Schweiz;
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Wieder bin ich dort gegangen,
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Wo die graden Wände hangen
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In des Sees geheime Gründe
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Mit dem dunkelgrünen Reiz.

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Nimmer war der Tag so helle,
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Niemals reiner meine Augen,
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Erd und Himmel einzusaugen,
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Meine Schritte gingen sacht;
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Schauend pilgert ich und lauschte,
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Weil ein guter Weggeselle
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Heimlich Worte mit mir tauschte
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Von der Berge Herzensmacht.

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Traulich fühlt ich seine Nähe
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Und mir ward, ob ich ihn sähe,
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Und er sprach: »Vor manchen Jahren
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Bin ich rüstig hier gereist,
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Hier geschritten, dort gefahren!«
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Und er lobte Land und Leute,
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Daß sich meine Seele freute
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An dem liebevollen Geist.

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Und er wies auf ein Gelände:
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»hier an einem lichten Tage
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Fand ich eure schönste Sage
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Und ich nahm sie mit mir fort.
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Wandernd hab ich dran gesonnen;
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Was zu bilden ich begonnen,
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Legt in Schillers edle Hände
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Nieder ich als reichen Hort.«

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Da er seinen Bruder nannte
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Und mir drob das Herz entbrannte,
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War's, als schlügen weite Flügel
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Sausend über mir die Luft,
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Schwingen, die den Raum besiegen,
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Wie sie nicht um niedre Hügel
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Flattern, Schwingen, die sich wiegen,
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Herrschend über Berg und Kluft.

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Selig war ich mit den beiden,
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Dämmerung verwob die Weiden
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Und ich sah zwei treue Sterne
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Über meiner Heimat gehn.
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Leben wird mein Volk und dauern
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Zwischen seinen Felsenmauern,
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Wenn die Dioskuren gerne
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Segnend ihm zu Haupte stehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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