Das große Schillerfest

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Gottfried Keller: Das große Schillerfest (1860)

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Schnee und Regen floß hernieder
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Auf novemberbraunen Bergen,
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Trostlos rangen alle Wipfel
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Mit den schweren grauen Wolken.

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Von den Büschen troff es klagend,
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Jeder Dorn war eine Traufe,
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Die hinab von Dorn zu Dornen
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Unaufhörlich floß und weinte.

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Aus den dunklen Forsten wankte
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Irren Schritts ein Weib hervor,
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Zart gebaut, in dünnem Kleide,
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Aber fruchtbeschwerten Leibes.

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Zitternd und mit starren Fingern
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Las sie nasses Laub und Reisig;
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Mühsam sich zur Erde bückend,
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Raffte sie ein zaghaft Büschel.

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Und der Brombeer wirre Schlingen
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Hingen sich an ihre Füße,
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Daß sie strauchelt', und das Weinen
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Hing an ihren Augenwimpern.

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Kam ein zweites Weib gegangen,
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Groß und stark und guter Hoffnung;
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Schwere Hölzer auf dem Haupte,
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Schritt sie aufrecht her und trotzig.

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Und sie rief mit lautem Lachen:
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»ei, Gevattrin! wie zu sehen,
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Sind wir beide gleich gesegnet?
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Nun wahrhaftig muß ich lachen!«

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Doch die andre fing urplötzlich
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Bitterlich laut an zu weinen,
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Und die regenschwere Schürze
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Drückt' sie schluchzend an die Augen.

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»wieder soll ich nun gebären!«
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Sprach sie, kummerschwer sich fassend,
35
»und ich habe nicht, wovon ich
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Mir ein warmes Süppchen koche!

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Meinen Gatten und Ernährer
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Hab ich traurig jüngst verloren,
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Als er einen Stamm geschlagen,
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Der ihn fallend wieder schlug.

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Und ich weiß nicht, wie das endet;
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Leben soll zu Leben kommen,
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Und das drängt sich und das mehrt sich,
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Und das Herz ist krank zum Tode!

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Wie ein Tier auf wilder Heide
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Schein ich mir, das ohne Gott,
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Ohne Gott und ohne Sterne
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Hungernd irrt und sich vermehrt.« –

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»hei, was ficht dich an, du Blöde?«
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Rief die andre, heller lachend;
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»lustig baun wir unsre Wölbung
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In das weite Reich hinaus!

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Fäuste geb ich meinen Kindern
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Und gesunde weiße Zähne!
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Sieh, das jüngste hat mir neulich
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Hier den Ohrlapp durchgebissen!

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Meinen Mann hab ich vertrieben,
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Weil er faul war und den Kindern
59
Alles Brot, das ich erworben,
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Vor den Mäulern wegstibitzte!« –

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»du bist stark und du bist frech!«
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Sagte wiederum die andre;
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»ich bin zag, und das Gewissen
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Liegt mir leider in der Art!«

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Also standen beide Weiber
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Hohen Leibs sich gegenüber,
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Und je lauter jene lachte,
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Desto traur'ger wurde diese.

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Und es kam der Nordlandswind
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Mächtig rauschend über die Berge,
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Und die Tränen der Bedrängten
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Trocknete sein scharfes Wehen.

73
In der Höhe schwamm im Blauen
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Einesmals die Spätherbstsonne,
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Daß in hellem Golde flammten
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Wie ein Morgenrot die Wälder.

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In der Tiefe trieben wogend
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Aufgejagt die zerrissenen Nebel,
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Vor dem wehenden Riesenhauche
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Stürmten sie verscheucht davon.

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Doch ein prächtiges Festgeläute
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Überklang das mächt'ge Rauschen,
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Und im Glanze der blitzenden Sonne
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Lag im Tal eine strahlende Stadt.

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Lang hinwallende Bürgerzüge
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Sah man schimmernd sich drin bewegen,
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Ihnen wehte die fliegende Seide
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Reich gebildeter Banner voran.

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Herrlich wogte der Wind aus Norden,
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Und die Glocken erschollen mit Macht;
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Da ertönten auch starke Posaunen,
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Helle Trompeten mit schwellender Pracht.

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Und die singende Menschenstimme
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Deutlich man dazwischen vernahm,
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Seltsam, neu und herzerschütternd
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Wie der seliggewordene Gram.

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»freude, schöner Götterfunken!«
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Hallte herüber der klingende Sturm;
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War kein Kirchenlied und kein Kriegslied,
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Doch die Glocken schallten vom Turm.

101
Horchend standen die armen Frauen,
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Und die Lacherin wurde still;
103
Und sie sprach: »Wer doch nur wüßte,
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Was das alles bedeuten will?

105
Einer rief, den zu Tale laufen
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Ich mit hastigen Schritten sah,
107
Daß die schönere und die größere,
108
Ja die bessere Zeit sei nah!

109
Aber komm, du zage Klagende,
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Was es immer bedeuten mag,
111
Feiern wir in meiner Hütte
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Diesen unbekannten Tag!

113
Bringe die weinenden, deine Kleinen,
114
Zu den meinigen schnell zur Stell;
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Wir entfachen ein lustiges Feuer,
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Schaffen die Welt uns warm und hell!

117
Neuen Most hab ich im Hause,
118
Nüsse für die junge Brut;
119
Und beim frohen Mütterschmause
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Fassen wir einen guten Mut!«

121
So genossen sie unwissend
122
Jenes Tages Silberblick;
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Mit am warmen Feuer ruhte
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Still ein künftiges Geschick.

125
Seine unsichtbaren Hüter
126
Lehnten am Standartenschaft
127
In den goldnen Wappenröcken:
128
Das

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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