Ein Schwurgericht

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Gottfried Keller: Ein Schwurgericht (1878)

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Da liegt ein Blatt, von meiner Hand beschrieben
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In Tagen, die nun lang dahingeschwunden,
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So lang, daß halb verblich die flücht'ge Schrift.
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Doch wie ich lese, wird ein Unterfangen,
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Ein wunderliches, wieder mir lebendig,
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Das mich befiel in wunderlicher Zeit,
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Als schnödes Abenteuer mächtig herrschte
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Und frech die Welt zum Abenteuer schuf.

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Was während eines Mondes kurzer Dauer
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Von tollem Spuk und schrecklichem Geschehen,
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Merkwürd'gem Wagnis und ruchloser Tat
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Die Zeitung brachte, von versunknen Schiffen,
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Mit schwerem Gold und brüllendem Volk beladen,
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Von drehnden Tischen, dran die Torheit saß,
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Von Schlachtenlärm und diebischen Marschällen,
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Von falschem Gift, durch weiße Hand gemischt:
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Das dacht ich rhythmisch wogend zu verflechten
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In einen wild rhapsodischen Gesang,
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Gleich einem Wandrer, der bestäubt und keuchend
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Dem tobenden Gewühl mit Not entrann
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Und seinen Fiebertraum voll Hast erzählt.

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So schrieb ich mir auf Blätter jede Kunde,
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Und nicht im Stich fürwahr ließ mich die Zeitung,
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Jedoch die Lust, die mir gemach verging.
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Dies gelbe Blatt nur hat sich noch erhalten.
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Ein Lächeln will beim Anblick mich beschleichen,
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Das wandelt aber sich sogleich in Ernst.

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Es steht ein Richterspruch darauf verzeichnet
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Und eine Tat so dunkel traur'ger Art,
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Daß wie von selbst die Hand zum Stifte greift,
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Das blut'ge Rätsel doch noch festzubannen.

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In Franken war's, an stillem Sommertage,
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Daß eine Frau ihr kleines liebes Bübchen
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Mit Korb und Vesperbrot zum Vater sandte,
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Der im Gehölze, mäßig weit, im Schweiße
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Des Angesichts an seiner Arbeit stand.
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Sie wußte, daß er heut ein hartes Lohnwerk
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Vollbringen wollte bis zur Dunkelzeit.
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Ein mütterlicher kleiner Übermut
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Verlockte sie, das Wagnis zu versuchen
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Und mit dem Bötlein ihren Ehkumpan
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Zu überraschen dieses erste Mal;
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Denn Sonntag war es morgen, und im Hause
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Blieb ihr zu schaffen übrig noch genug.

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Das Knäblein aber sträubte sich zu gehen,
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Gewohnt nur an der Mutter stets zu hangen
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Und sie um tausend Dinge zu befragen
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Mit Schmeichelwörtchen, lind im Singeton.
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»geh nur«, sprach sie, »die Mundharmonika
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Geb ich dir mit, mein Söhnchen, und drauf spielen
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Wirst du gar herrlich auf dem ganzen Wege;
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Der Vater ruft: 'Was hör ich für Musik?
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Gewiß marschiert ein Regiment Soldaten!'
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Wie lacht er aber, wenn sein Hänschen kommt!«
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Und da sie aus dem Schrank das Instrumentchen,
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Das dort zur Schonung sorglich aufgehoben,
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Hervorholt, faßt es gleich der frohe Kleine
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Und schreitet wacker, seinen Korb am Arm,
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Ins helle Sommerland, die wen'gen Stimmchen
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An seinen Lippen unverweilt erprobend
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Und stets aufs neue reihend Ton an Ton.

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Schon weit ist er; doch über Korn und Klee
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Tönt weich und sanft, wie all der blaue Himmel,
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Sein einfach Lied nun aus dem Feld herüber;
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Der Kinderpuls, ein Lufthauch und die Ferne,
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Sie schaffen eine rührend zarte Weise,
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Die, fast verwehend jetzt, dann leise schwillt.
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Und weil die Mutter hier noch steht und horcht
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Und denkt: nun hat er wohl den Forst betreten,
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Vernimmt der Vater drüben schon die Töne
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Und kennt sein Vögelchen an dem Gesang.
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Er lauscht erfreut – auf einmal bricht es ab,
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Und stumm bleibt ewig dieser Kindermund!
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Kein Knäblein kommt zum Vater, keines kehrt
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Zur Mutter abends mit dem Müden wieder.

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Nach dreien Tagen erst zog man das Kind
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Mit eingeschlagnem Haupt aus einem Wasser,
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Das tückisch hehlend, dunkel, unbeweglich,
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Abseits vom Pfad im Waldesschatten lag.
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Der Mörder auch ward bald darauf ergriffen;
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Es war ein starker Bursch von achtzehn Jahren,
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Fast unbekannt, der, lungernd in der Stadt,
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Mißtrauisch schielend auf dem Örglein blies,
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Das ihn verriet. Dann vor dem Richter stehend,
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Von dessen Kunst bedrängt, erzählt' er mürrisch,
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Wie er das Kind im Holze angetroffen
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Und es gebeten, ihm das Ding zu leihen
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Für einen Augenblick, sich dran zu laben;
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Denn eine unbezwinglich starke Lust
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Hab ihn schon lang gequält, auf solchem Werklein
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Ein einzig Mal sich blasend zu vergnügen.
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Kopfschüttelnd hab das Knäblein fortgespielt,
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Er aber es mit einem Stein erschlagen.

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Und weiter ward die Kunde beigebracht,
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Wie daß vor Jahren schon in seiner Heimat
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Der Unhold von der zarten Kinderwelt
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Als Spielzeugräuber sei gefürchtet worden;
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Die trauten Plätze, Flure, Hofgebreiten,
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Wo sich das kleine Volk zur Lust versammelt:
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Der große Range habe finster lauernd
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Beschlichen sie und von dem bunten Werkzeug
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Der Jugend sich gewaltsam angeeignet,
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Was ihm gefiel, dann in entlegnen Winkeln,
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Einsam, mit ungeschickter Hand gespielt.

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Der Wahrspruch fiel, die Sühne ward bemessen;
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Doch aus der Untat wurde keiner klug.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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