Am Ufer des Stromes

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Gottfried Keller: Am Ufer des Stromes (1854)

1
Graulockig ein Mann und ein blonder Kam'rad
2
Spazieren an fließenden Wassers Gestad;
3
Der Ältere kehrt sich zum Jungen und spricht:
4
»was schneidest du für ein betrübtes Gesicht?« –

5
»lieb fand ich ein Mädchen und hab ihm's gesagt,
6
Sie flüstert ein Nein, kaum daß ich gefragt,
7
Und alles im Nu – nun beklemmt's mir die Brust,
8
Daß Herz ich und Mund nicht zu halten gewußt!«

9
Und jener erwidert: »Des Fährmanns Magd
10
Siehst du, die über dem Strome ragt,
11
Gering und arm und der Zierde bar,
12
Und siehst auch mein ergrauendes Haar?

13
Befiel' mich ein Fünklein Lieb zu ihr,
14
Laut rief' ich es von der Stelle hier,
15
Rief's laut in der Wellen rauschenden Gang,
16
Mich dünkt' es der allerschönste Gesang!

17
Leicht schlug mir in meiner Jugend das Herz,
18
Und müßig schweifte der Blick allwärts;
19
Rasch hab ich so manches Geständnis gemacht,
20
Die ein' hat geweint und die andre gelacht.

21
Bei
22
Wie sehr es auch sterbend im Busen gezuckt;
23
Ich glaube, sie ahnt' es und lächelte fein,
24
Doch wußt ich nicht: sang's in ihr ja oder nein.

25
Der Sommer war warm und der Winter kalt,
26
Die Zeit verging, und wir wurden alt;
27
Als ich zum letzten Mal sie sah,
28
Lag sie im Leichenschmucke da.

29
Fest waren die Augen zugetan,
30
Sie schauten nicht mich noch die Welt mehr an;
31
Doch auf dem Munde bleich und tot,
32
Da lächelt's noch leise wie ein Spott.

33
Mir lispelt's im Ohre: 'O träger Mann,
34
Der so mit Worten geizen kann!
35
Du hattest den Schlüssel zum seligen Haus,
36
Wo fliegen die Engel hinein und hinaus!

37
Du hattest den Schlüssel zum goldenen Schrein
38
Für alle zwei beide, nun lieg ich allein!'
39
Da donnert' die Orgel, da psaltert' der Chor,
40
Und sie trugen hinaus, was ich elend verlor!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.