Der Kranz

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Gottfried Keller: Der Kranz (1882)

1
Der Frühling ging durchs reiche Schwabenland
2
Und mit ihm Ludwig Uhland, an der Hand
3
Die treue Gattin; denn es kam zu wandern
4
Der teure Mann von einem Ort zum andern.

5
Mag's mit dem Recht in Stuttgart nicht gelingen,
6
Will lehrend er ins Herz der Jugend dringen
7
Zu Tübingen am alten Musensitz,
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Umleuchtet noch von hellem Geisterblitz.

9
So wallt das Paar still und getrost dahin,
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Wo Täler weiß im Schnee der Bäume blühn;
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Doch sieh! beim Steine, der die Markung kündet,
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Steht eine Schar von Freunden treu verbündet.

13
Die Kampfgenossen für des Volkes Rechte,
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Sie harren sein mit einem Kranzgeflechte
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Von dichtem Lorbeer, glänzend frisch und grün;
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Den reichen sie dem Sänger hold und kühn.

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Ein letzter Kuß! Der letzte Becher blinkt,
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Und ferne schon die Hand zum Scheiden winkt;
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Dem Meister glänzt das Aug, das lebenswarme,
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Und Frau und Kranz führt er am rechten Arme.

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Sie wandeln bald in einem lichten Walde
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Von großen Eichen an der sanften Halde;
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Wie steht so fest und frei der edle Hain,
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Und überall blaut noch der Himmel drein!

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Hoch oben kreist der Falk im Sonnenlicht,
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Das durch das Gitterwerk der Zweige bricht,
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Und Uhland, schreitend im geweihten Raume,
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Tritt unversehns zum nächsten Eichenbaume.

29
Rasch hängt er auf den Kranz, und schweigend wendet
30
Den Schritt er weiter; nur Frau Emma sendet
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Reuig den Blick zurück, doch strahlend licht
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Wird drauf ihr Aug, sieht sie den Mann so schlicht.

33
Tief schaut sie dieses reinen Goldes Hort
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In seinem Herzen – doch mit keinem Wort
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Wird sie benennen ihr beglückend Wissen
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Von einem Schatz, den tausend Frauen missen.

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Im Waldesdämmer an dem grauen Stamme
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Verlassen glimmt des Lorbeers grüne Flamme.
39
Vorüber zog das Wanderpaar schon lang,
40
Und laut erschallt im Hain der Vogelsang!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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