[dein Lied ist rührend, edler Sänger]

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Gottfried Keller: [dein Lied ist rührend, edler Sänger] (1854)

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Dein Lied ist rührend, edler Sänger,
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Doch zürne dem Genossen nicht,
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Wird ihm darob das Herz nicht bänger,
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Das, dir erwidernd, also spricht:

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Die Poesie ist angeboren,
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Und sie erkennt kein Dort und Hier;
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Ja, ging' die Seele mir verloren,
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Sie führ zur Hölle selbst mit mir.

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Inzwischen sieht's auf dieser Erde
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Noch lange nicht so graulich aus,
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Und manchmal scheint mir, daß das: Werde!
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Ertön' erst recht dem »Dichterhaus«.

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Schon schafft der Geist sich Sturmesschwingen
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Und spannt Eliaswagen an:
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Willst träumend du im Grase singen,
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Wer hindert dich, Poet, daran?

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Ich grüße dich im Schäferkleide,
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Herfahrend, – doch mein Feuerdrach'
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Trägt mich vorbei, die dunkle Heide
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Und deine Geister schaun uns nach.

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Was deine alten Pergamente
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Von tollem Zauber kund dir tun,
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Das seh ich durch die Elemente
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In Geistes Dienst verwirklicht nun.

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Ich seh sie keuchend glühn und sprühen,
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Stahlschimmernd bauen Land und Stadt,
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Indes das Menschenkind zu blühen
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Und singen wieder Muße hat.

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Und wenn vielleicht in hundert Jahren
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Ein Luftschiff hoch mit Griechenwein
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Durchs Morgenrot käm hergefahren –
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Wer möchte da nicht Fährmann sein?

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Dann bög ich mich, ein sel'ger Zecher,
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Wohl über Bord, von Kränzen schwer,
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Und gösse langsam meinen Becher
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Hinab in das verlaßne Meer.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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