Poetentod

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Gottfried Keller: Poetentod (1854)

1
Der Herbstwind rauscht; der Dichter liegt im Sterben,
2
Die Blätterschatten fallen an der Wand;
3
An seinem Lager knien die zarten Erben,
4
Des Weibes Stirn ruht heiß auf seiner Hand.

5
Mit dunklem Purpurwein, darin ertrunken
6
Der letzten Sonne Strahl, netzt er den Mund;
7
Dann wieder rückwärts auf den Pfühl gesunken,
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Tut er den letzten Willen also kund:

9
»die ich aus luft'gen Klängen aufgerichtet,
10
Vorbei ist dieses Hauses Herrlichkeit;
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Ich habe ausgelebt und ausgedichtet
12
Mein Tagewerk und meine Erdenzeit.

13
Das keck und sicher seine Welt regierte,
14
Es bricht mein Herz, mit ihm das Königshaus;
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Der Hungerschlucker, der die Tafel zierte:
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Der Ruhm, er flattert mit den Schwalben aus.

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So löschet meines Herdes Weihrauchflamme
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Und zündet wieder schlechte Kohlen an,
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Wie's Sitte war bei meiner Väter Stamme,
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Vor ich den Schritt auf dieses Rund getan!

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Und was den Herd bescheidnen Schmuckes kränzte,
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Was sich an alter Weisheit um ihn fand,
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In Weihgefäßen auf Gesimsen glänzte,
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Streut in den Wind, gebt in der Juden Hand:

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Daß meines Sinnes unbekannter Erbe
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Mit find'ger Hand, vielleicht im Schülerkleid,
27
Auf offnem Markte ahnungsvoll erwerbe
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Die Heilkraft wider der Vernachtung Leid.

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Werft jenen Wust verblichner Schrift ins Feuer,
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Der Staub der Werkstatt mag zugrunde gehn!
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Im Reich der Kunst, wo Raum und Licht so teuer,
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Soll nicht der Schutt dem Werk im Wege stehn!

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Dann laßt des Gartens Zierde niedermähen,
34
Weil unfruchtbar; die Lauben brechet ab!
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Zwei junge Rosenbäumchen lasset stehen
36
Für mein und meiner lieben Frauen Grab!

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Mein Lied mag auf des Volkes Wegen klingen,
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Wo seine Banner von den Türmen wehn;
39
Doch ungekannt, mit mühsalschwerem Ringen
40
Wird meine Sippschaft dran vorübergehn!«

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Noch überläuft sein Angesicht, das reine,
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Mit einem Strahl das sinkende Gestirn;
43
So glüht' noch eben in dem Purpurscheine,
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Nun starret kalt und weiß des Berges Firn.

45
Und wie durch Alpendämmerung das Rauschen
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Von eines späten Adlers Schwingen webt,
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Ist in der Todesstille zu erlauschen,
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Wie eine Geisterschar von hinnen schwebt.

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Sie ziehen aus, des Schweigenden Penaten,
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In faltige Gewande tief verhüllt;
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Sie gehn, die an der Wiege einst beraten,
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Was als Geschick sein Leben hat erfüllt:

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Voran, gesenkten Blicks, das Leid der Erde,
54
Verschlungen mit der Freude Traumgestalt,
55
Die Phantasie und endlich ihr Gefährte,
56
Der Witz, mit leerem Becher, still und kalt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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