Der alte Bettler

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Gottfried Keller: Der alte Bettler (1854)

1
Nun legst du, alte wettermüde Föhre,
2
Den allerletzten Jahresring dir an,
3
Da ich im Walde schon rumoren höre
4
Mit seiner Axt den grauen Zimmermann.
5
Er wird sowenig deinen Kopf begnaden,
6
Als jemand über mein Verschwinden klagt;
7
Dem armen Schelm und einem alten Schaden
8
Nur wird des Alters Ehrenzoll versagt!

9
Sei's immerhin! ich liebe drum nicht minder
10
Dies alte Land, mein gutes Vaterland,
11
Und segne seine lebensfrohen Kinder
12
Mit der verworfnen toten Bettlerhand!
13
Ich segne euch, o Strom, Gebirg und Auen,
14
Die ihr im Lichte heiter vor mir schwimmt!
15
Ein Reichtum ist dies selig klare Schauen,
16
Den meinem Aug nicht Vogt noch Richter nimmt!

17
Als meine Brüder einst vor vierzig Jahren
18
Das schiefe, morsche Vaterhaus verkauft,
19
Um nach der fernen Neuen Welt zu fahren,
20
Wo man sich mit der alten Erde rauft,
21
Da bin ich ganz allein zurückgeblieben,
22
Bald war ich um mein kleines Erb geprellt;
23
Weiß nicht, wie weit sie drüben es getrieben:
24
Ich wurd ein Hauptmann in der Bettler Welt!

25
Denn weder Not noch Mühsal konnten scheiden
26
Mich von den Marken meines Vaterlands –
27
Wer will mich zwingen, seinen Schoß zu meiden,
28
Zu missen seiner Ströme blauen Glanz?
29
Hier will ich wandeln, wo ich bin geboren,
30
Und sei's auch in zerrißnen Bettlerschuhn!
31
Ging drob die Bürgerehre mir verloren,
32
Ich will und muß bei meinen Vätern ruhn!

33
Dich sollt ich fliehen, trautes Netz der Wege,
34
Daran auch ich mit fleiß'gen Füßen spann,
35
Und dich, Gebirg, wo ich des Abgrunds Stege
36
Fast mit verbundnem Aug beschreiten kann?
37
Wo ich den Fuchs und seinen Vater kenne
38
Und jeden Stamm im dunklen Forst gezählt
39
Und jede Trift bei ihrem Namen nenne –
40
Den Boden, wo mir nie ein Tritt gefehlt?

41
O gute Scholle meiner Heimaterde,
42
Wie kriech ich gern in deinen warmen Schoß!
43
Mir ahnet schon, wie sanft ich ruhen werde,
44
Vom Kaun des Brots und allem Irrsal los!
45
Wie will ich meine müden Beine strecken,
46
Wegwerfend meines Elends dürren Stab,
47
Wie langhin mich von West nach Osten recken,
48
Als läg ich stolz in eines Königs Grab!

49
Doch spinnt sich weiter meiner Seele Leben,
50
So möge sie im leichten Nebelkleid,
51
So leicht wie Luft, dies laute Volk umschweben,
52
Noch immer treu in Freude, Zorn und Leid!
53
Möcht meine Seligkeit darin bestehen,
54
Einst seines letzten Bettlers Geist zu sein,
55
Zufrieden, still und müßig umzugehen
56
In seines Glückes hellem Sonnenschein!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.