Der Taugenichts

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Gottfried Keller: Der Taugenichts (1854)

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Die ersten Veilchen waren schon
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Erwacht im stillen Tal;
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Ein Bettelpack stellt' seinen Thron
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Ins Feld zum ersten Mal.
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Der Alte auf dem Rücken lag,
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Das Weib, das wusch am See;
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Bestaubt und unrein schmolz im Hag
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Das letzte Häuflein Schnee.

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Der Vollmond warf den Silberschein
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Dem Bettler in die Hand,
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Bestreut' der Frau mit Edelstein
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Die Lumpen, die sie wand;
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Ein linder West blies in die Glut
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Von einem Dorngeflecht,
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Drauf kocht' in Bettelmannes Hut
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Ein sündengrauer Hecht.

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Da kam der kleine Betteljung,
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Vor Hunger schwach und matt,
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Doch glühend in Begeisterung
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Vom Streifen durch die Stadt,
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Hielt eine Hyazinthe dar
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In dunkelblauer Luft;
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Dicht drängte sich der Kelchlein Schar,
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Und selig war der Duft.

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Der Vater rief: »Wohl hast du mir
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Viel Pfennige gebracht?«
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Der Knabe rief: »O sehet hier
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Der Blume Zauberpracht!
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Ich schlich zum goldnen Gittertor,
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Sooft ich ging, zurück,
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Bedacht nur, aus dem Wunderflor
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Zu stehlen mir dies Glück!

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O sehet nur, ich werde toll,
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Die Glöcklein alle an!
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Ihr Duft, so fremd und wundervoll,
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Hat mir es angetan!
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O schlaget nicht mich armen Wicht,
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Laßt euren Stecken ruhn!
39
Ich will ja nichts, mich hungert nicht,
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Ich will's nicht wieder tun!« –

41
»o wehe mir geschlagnem Tropf!«
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Brach nun der Alte aus,
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»mein Kind kommt mit verrücktem Kopf
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Anstatt mit Brot nach Haus!
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Du Taugenichts, du Tagedieb
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Und deiner Eltern Schmach!«
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Und rüstig langt' er Hieb auf Hieb
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Dem armen Jungen nach.

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Im Zorn fraß er den Hecht, noch eh
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Der gar gesotten war,
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Schmiß weit die Gräte in den See
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Und stülpt' den Filz aufs Haar.
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Die Mutter schmält' mit sanftem Wort
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Den mißgeratnen Sohn,
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Der warf die Blume zitternd fort
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Und hinkte still davon.

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Es perlte seiner Tränen Fluß,
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Er legte sich ins Gras
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Und zog aus seinem wunden Fuß
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Ein Stücklein scharfes Glas.
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Der Gott der Taugenichtse rief
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Der guten Nachtigall,
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Daß sie dem Kind ein Liedchen pfiff
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Zum Schlaf mit süßem Schall.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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