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Gottfried Keller: 1 (1854)

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Vom Lager stand ich mit dem Frühlicht auf
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Und nahm hinaus ins Freie meinen Lauf,
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Wo duftiggrau die Morgendämmrung lag,
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Umflorend noch den rosenroten Tag;
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Mich einmal satt zu gehn in Busch und Feldern
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Vom Morgen früh bis in die späte Nacht,
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Und auch ein Lied zu holen in den Wäldern,
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Hatt ich zum festen Vorsatz mir gemacht.

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Rein war der Himmel, bald zum Tag erhellt,
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Der volle Lebenspuls schlug durch die Welt;
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Die Lüfte wehten und der Vogel sang,
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Die Eichen wuchsen und die Quelle sprang.
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Die Blumen blühten und die Früchte reiften,
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Ein jeglich Gras tat seinen Atemzug;
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Die Berge standen und die Wolken schweiften
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In gleicher Luft, die meinen Odem trug.

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Ich schlenderte den lieben Tag entlang,
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Im Herzen regte sich der Hochgesang;
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Es brach sich Bahn der Wachtel heller Schlag,
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Jedoch mein Lied – es rang sich nicht zu Tag.
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Der Mittag kam, ich lag an Silberflüssen,
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Die Sonne sucht ich in der klaren Flut
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Und durfte nicht von Angesicht sie grüßen,
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Der ich allein in all dem Drang geruht.

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Die Sonne sank und ließ die Welt der Ruh,
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Die Abendnebel gingen ab und zu;
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Ich lag auf Bergeshöhen matt und müd,
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Tief in der Brust das ungesungne Lied.
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Da nickten, spottend mein, die schwanken Tannen,
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Auch höhnend sah das niedre Moos empor
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Mit seinen Würmern, die geschäftig spannen,
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Und lachend brach das Firmament hervor.

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Von Osten wehte frisch und voll der Wind:
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»was suchst du hier, du müßig Menschenkind,
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Du stumme Pfeife in dem Orgelchor,
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Schlemihl, der träumend Raum und Zeit verlor?
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Dir ward das Leichteste, das Lied, gegeben,
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Das, selbst sich bauend, aus der Kehle bricht;
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Du aber legst dein unbeholfen Leben
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Wie einen Stein ihm auf den Weg zum Licht!«

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Sprach so der Wind? O nein, so sprach der Schmerz,
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Der mir wie Ketten hing ums dunkle Herz!
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Ein fremder Körper ohne Form und Schall,
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So, deuchte mir, lag ich im regen All.
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Und Luft und Tannen, Berge, Moos und Sterne,
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Sie schlangen lächelnd ihren weiten Kranz;
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Wie an der Insel sich das Meer, das ferne,
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Brach sich an mir ihr friedlich milder Glanz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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