So bist du eine Leiche!

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Gottfried Keller: So bist du eine Leiche! Titel entspricht 1. Vers(1854)

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So bist du eine Leiche!
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So ist die alte Eiche
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Doch endlich abgedorrt!
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Es ist ein lang Stück Leben,
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Das wir dem Staube geben,
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Ein ausgeklungen Gotteswort.

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Da wir vor zwanzig Jahren
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Als Kinder um dich waren,
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Standst du schon silberweiß:
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Und noch ein Jünglingsleben,
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Ein zwanzigjähriges eben,
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Trankst du begierig, durst'ger Greis!

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Des Mittelalters Schwingen
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Mit letztem bebendem Klingen
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Umfachten die Wiege dir:
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Jetzt, voll von Sturmesahnen,
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Umrauschen die dunklen Fahnen
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Der neuen Welt dein Bahrtuch hier.

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Darin wir uns vertieften,
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Die aberhundert Schriften,
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Was uns erfüllt die Brust:
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Das zog dir all vorüber,
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Dämmernd heran, hinüber,
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Du aber hast es nicht gewußt.

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In jenen fernen Tagen
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– Ich hör die Finken schlagen –,
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Als durch den grünen Wald
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Herr Geßner las im Brockes:
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Ins Herz des Eichenstockes
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Hat deiner Jugend Axt geschallt.

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Hast du dem deutschen Sänger,
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Dem edlen Schlittschuhgänger,
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Den Stahlschuh hier gereicht?
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Du hast vor fünfzig Jahren
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Den See hinauf gefahren
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Den fünfzigjährigen Goethe vielleicht.

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Vorüber deiner Leiche
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Flieht heut der zornesbleiche
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Poet den See entlang;
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Verschwunden sind die Spuren,
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Wo heitre Dichter fuhren,
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Und anders tönt des Flüchtlings Sang!

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Die Scherben stolzer Kronen,
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Zwei Revolutionen,
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Die haben dich umklirrt;
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Erdbeben und Kometen,
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Sturmglocken und Schlachtdrommeten
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Sind deiner Stirn vorbeigeschwirrt.

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Der unsre Welt gewendet
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Wie seine Hand, geendet
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Im Meere still und fern,
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Mit seinem ehrnen Tritte
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Fiel just er in die Mitte
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Des Lebens dir, ein irrer Stern.

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Du sahst auf deinem Felde
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Erstaunt die fremden Zelte,
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Die Flucht durch Saatengrün
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Und, als sie abgezogen,
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Zum alten Sternenbogen
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Der Väter Haus in Flammen sprühn.

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Doch alles ist in trüben
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Gebilden dir fremd geblieben,
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Ein Rätsel dir und Traum;
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Auch die vorüberjagten,
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Sowenig nach dir fragten
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Als dort nach deinem Apfelbaum.

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Doch in dir hell erglühte
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Das Urlicht und erblühte
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Ein grünes Urwaldreis;
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Oft sah ich dein Auge scheinen,
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Als ob's in heiligen Hainen
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Noch ruht' auf der Runensteine Kreis.

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Du hast den Stier gezwungen,
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Du hast das Beil geschwungen,
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Daß Birk und Föhre fiel;
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Wer diese harte Erde
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Mit eiserner Pflugschar kehrte,
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Erlernt' auch leicht des Krieges Spiel.

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Es schliefen geheime Sagen
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Von grauen Heidentagen
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Auf deines Gemütes Grund;
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Du sangst noch hin und wieder
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Verschollne Schwänk und Lieder –
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Freund Uhland wohl ein guter Fund!

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Vom Weltend die vier Winde
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Durch deiner Heimat Gründe
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Sahst wallen du und wehn;
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Doch jener nahen Firnen,
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Die ragen zu den Gestirnen,
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Hast selber den Fuß du nie gesehn.

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Und dennoch ist's das echte,
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Das bleibende Volk, das rechte,
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Das auf der Scholl erblaßt,
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Auf der es ward geboren!
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Das Schifflein geht verloren,
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Des Anker diesen Grund nicht faßt.

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Propheten, lernt euch neigen!
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Nicht auf zu euch soll steigen
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Der Kronen kalte Pracht:
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Hernieder laßt uns dringen,
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Demütigen Herzens bringen
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Licht in der engsten Hütte Nacht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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