Frau Rösel

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Gottfried Keller: Frau Rösel (1854)

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Frau Rösel ist eine gute Frau, wie liebt sie ihren König,
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Den König und sein ganzes Haus, und ißt und trinkt so wenig!
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Die gute, arme Frau Rösel.

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Und als es hieß, der junge Prinz wird seine Braut heimführen,
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Da sprach der Vogt: »Auf, gute Frau! Ihr müßt das Haus verzieren!«
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Die gute, arme Frau Rösel.

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Nun hat Frau Rösel dick zu tun, wie trippelt sie und wie lauft sie!
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Ein Dutzend Fähnchen und Goldpapier und junge Birken kauft sie,
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Die gute, arme Frau Rösel.

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Sie geht zu Wald und sammelt Moos, beim Nachbar bettelt sie Schnüre
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Und alte Nägel und derlei Zeug, beim Schuster Kleister und Schmiere,
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Die gute, arme Frau Rösel.

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Dann schafft und keucht sie den ganzen Tag und sinnt und klopft und klittert,
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Bis daß ihr Häuslein um und um behangen ist und beflittert,
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Die gute, arme Frau Rösel.

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Herr Bunzelmann, der alles kann, hilft ihr studieren und kleben,
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Macht Wappen und Kron und Namenszüg, trinkt zwölf Maß Bier daneben
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Der guten, armen Frau Rösel.

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Und aus dem letzten Groschen kauft sie Brot und frische Butter
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Und sitzt vergnügt vor ihrem Haus und harrt der Landesmutter,
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Die gute, arme Frau Rösel.

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Doch ist sie müd, sie sitzt und schläft, hört nicht das Schießen und Lärmen,
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Und sie entschläft für alle Zeit, es kann sie nichts mehr härmen,
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Die gute, arme Frau Rösel.

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Sie sieht nicht, wie vorüberrollt, als von der Luft getragen,
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Im Sonnenschein der Freudenzug der königlichen Wagen,
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Die gute, stille Frau Rösel.

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Denn hinten auf dem hintersten im goldbetreßten Kleide
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Ein Jäger stand, der hieß der Tod, und löst sie von dem Leide,
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Die gute, arme Frau Rösel.

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Heut kommt der Vogt herbeigerannt und kratzt sich an den Ohren:
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Nun hab die letzte Steuer ich aus eigner Schuld verloren
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Am alten Weib, der Rösel!

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Was soll ich denn dem toten Weib, dem hinterlist'gen, pfänden?
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Es bleibt mir nichts als Flitterkram und welkes Laub in Händen!
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Das schlechte Weib, die Rösel!

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Der Künstler auch, Herr Bunzelmann, er kam herbeigehunken:
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Gut ist es, daß mein Honorar ich auf der Stell getrunken!
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Die gute arme Frau Rösel.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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