Landwein

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Gottfried Keller: Landwein (1854)

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Am Hügel wohnt der alte Bauersmann,
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Der hat sein Gut von neuer Hand gegründet,
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Daß all sein Land im weitgezognen Bann
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Des Eigners feste Willenskraft verkündet;
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Was harter Fleiß der Erd entlocken kann,
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Hat er zu immergrüner Pracht entzündet;
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Und in der Mitte steht sein stattlich Haus,
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Die Fenster schimmern in das Land hinaus.

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Das ist das ganze Jahr ein wechselnd Blühn,
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Geteilt in Streifen und in allen Farben
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Dehnt es sich aus, vom hellen Saatengrün
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Bis zum gediegnen Gold der schweren Garben.
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Des Mohnes traumerfüllte Kelche glühn,
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Wenn kaum des Flachses blaue Blüten starben;
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Vereinigt leuchtet aller Farben Flor
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Im Blumengarten vor des Hauses Tor.

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Vom fernen Berge aus dem eignen Wald
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Hat er zum Hof den Brunnen hergeleitet,
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Und von des Forstes felsiger Gestalt
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Aus eignem Stein des Hauses Grund gebreitet.
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Man sieht, wie neben mächt'ger Eiche bald,
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Bald neben der gefällten Tann er schreitet,
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Die blanke Axt fest in den Stamm gehauen,
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Dem langen Zug den richt'gen Weg zu schauen.

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Vom Morgengrauen bis zum Wehn der Nacht
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Kann man ihn sehn durch Flur und Felder streifen,
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So weit noch seines Halmes Blüte lacht,
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Treu seine Bienen Pflug und Stier umschweifen;
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Selbst von der Lüfte sonnig heitrer Pracht
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Die Tauben seines Hofs Besitz ergreifen.
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Und auch die Lerche, Wachtel, Eul und Rabe
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Sind heimatliche Kinder seiner Habe.

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Jedoch sein Herzfleck ist ein jäher Rain,
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Der sich erhebt aus weiten Ackergründen,
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Da wo am vollsten ruht der Sonne Schein
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Und abgewandt des Nordens rauhen Winden;
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Da zieht der Landmann seinen Labewein,
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Da ist er manchen langen Tag zu finden,
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Wie Arbeit er und Müh mit Lust verschwendet,
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Der Rebe wählrisch Schoß zum Lichte wendet.

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Doch zieht er nicht die Traube zum Erwerb,
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Mit seinen Söhnen trinkt er selbst den Saft,
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Der nicht wie Honig süß, doch frisch und herb
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Der Männer Blut erhält mit tücht'ger Kraft;
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Auch Brot und Leib und Leben sind ja derb
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Dem Volke, das in brauner Scholle schafft;
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Nur wenn ein heißes Weinjahr ist auf Erden,
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Kann auch sein Wein ein rechter Festwein werden.

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Wie oftmals, wenn der kühle Herbst gekehrt,
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Gelungen war des Jahrs mühsel'ger Plan,
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Die Speicher hoch mit reicher Frucht beschwert,
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Der neue Wein in seine Haft getan,
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Hat er das erste Glas davon geleert –
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Nie setzt' er eines ruhig wohler an!
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So saß der Mann inmitten seiner Sippe
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Und trank den jungen Wein mit froher Lippe.

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Wenn dieser so im Glas zu gären schien,
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Im Innersten nach Klarheit heiß zu ringen,
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Dann sprach der Mann wie träumend vor sich hin,
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Als hört' er wo ein fernes Lied erklingen:
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»gott hat's gegeben, und wir preisen ihn!
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Wir loben ihn, wenn wir es wieder bringen!
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Denn wie er's geben kann, mag er es nehmen,
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Und unser ist ein mutiges Bequemen!

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Wohl hört man ihn durch Tann und Schlüchte fahren,
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Wer aber weiß, von wannen kommt der Wind?
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So drängen sich der Menschheit schwere Scharen,
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Die selber sich ein tief Geheimnis sind,
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Das aber endlich sich soll offenbaren
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Den Lebensklugen, die nicht taub und blind.
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Indes zur Übung, Stärkung unserm Streben
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Ward dieser harte Ackergrund gegeben.

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Und was wir heute sammeln und gestalten,
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Das wird der Morgen schonungslos zerstreuen;
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Doch wollt ihr einen süßen Kern erhalten,
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Dürft ihr euch nicht zu sehr der Schalen freuen!
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Wenn sich der Geist der Geister will entfalten,
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Wird unablässig er das Wort erneuen.
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Wir aber müssen bei der Arbeit lauschen,
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Wohin die heil'gen Ströme wollen rauschen!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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