Ein Festzug in Zürich

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Gottfried Keller: Ein Festzug in Zürich (1854)

1
Als einst die Luft von Lindenblust
2
Durchduftet und die Bürgerlust
3
Darob erwacht und munter war,
4
Da regt' sich junger Männer Schar
5
Und strebte menschlich nach dem Ziel,
6
Sich darzustellen recht im Spiel.
7
Auch hatt zu jenen Stunden
8
Sich bald ein Fest gefunden;
9
Denn fertig ward das Eisenband,
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Das mit dem deutschen Nachbarland
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Am blauen See die alte Stadt
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Wegsam und neu verbunden hat,
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Und wurde just der Tag erharrt,
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An dem sich tat die erste Fahrt.
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Es waren zu dem Feste
16
Geladen schnell die Gäste,
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Schon rüst't sich jeglicher Gesell.

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Da lehnt auch Meister Heinrich schnell,
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Der Cramer ehrlich zubenannt,
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Das blanke Schlachtbeil an die Wand;
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Den Gurt, mit Kupfer hell verziert,
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Woran ihm Stahl und Messer klirrt,
23
Den weißen Schurz tut er von sich
24
Und greift zum Stifte; säuberlich
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Nimmt er Papier und träumt und sinnt
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Und gleich zu zeichnen drauf beginnt.
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Denn wißt und seid des Meisters froh,
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Seit manchem Jahre treibt er's so:
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Wenn sich ein Spiel begeben will,
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So steht sein Eifer nimmer still,
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In Reim und Bildnis gleich gewandt,
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Entwirft und ordnet seine Hand,
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Bis frisch die Arbeit ist getan
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Und fröhlich klar des Festes Plan!
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Bald sieht man ihn nun walten,
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Die Scharen zu gestalten,
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Wie jedes Mannes Stand und Tracht
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Er weislich zu Papier gebracht.

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Jetzt aus der Vorzeit fernen Aun
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Läßt er beglänzte Bilder schaun;
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Dann mischt er kecklich alt und neu,
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Vergangner Zeiten Ehr und Treu,
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Und stolzes Fahnenrauschen
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Muß nun mit Torheit tauschen,
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Und Schwank und Schalkheit sind zu sehn,
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Wie sie dem Ernst zur Seite gehn.

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Auch hat er schon den Lauf der Welt
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Mit zarten Kindern dargestellt:
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Der Ahnen kriegrisch Prangen
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Kam rosig da gegangen;
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Dann hüpften Fächer, Degen,
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Gepudert allerwegen;
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Als Gärtner, Fischer, Jägersmann
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Dann sind die Kleinen angetan,
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Der Jahreszeiten Wechseltanz
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Sieht man in Kinderaugenglanz
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Und goldner Locken jungem Flug
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Vorüberwallen Zug auf Zug.
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Das Märchen ward lebendig,
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Titania lilienhändig
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Schien selber mitzuwirken
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In solchen Lenzbezirken,
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Und einem Wandelgarten
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Von tausend Blumenarten
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Glich dann die volkerfüllte Stadt

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Doch jetzo weiß er andern Rat.
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Was Heut und Morgen sturmbeschwingt
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Uns auf dem Eisen fliegend bringt
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Vom alten trauten Nachbarort
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Wie von der Erde fernstem Port,
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Das kommt zumal nun Troß um Troß,
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Zu Fuß, zu Wagen und zu Roß,
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Und durch des Volkes wogend Meer
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Rauscht es von allen Seiten her.
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Befremdlich wie die Aventür
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Tritt's aus den Häusern jäh herfür:
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Hier trabt der braune Wüstensohn
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Und dort des Zaren Kind vom Don,
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Der Kriegerfürst vom Kaukasus,
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Der Häuptling vom Lorenzofluß,
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Und was am Nil sich regt und drängt,
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Auf Asiens Strömen treibt und mengt,
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Wie durch die Luft gefahren
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Ist's hier nun zu gewahren.
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Dann aus Italiens Myrtenland
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Kommt uns der Schönheit Volk zur Hand,
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Der Schnitterinnen brauner Chor,
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Korallen rot an Hals und Ohr;
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Hispan'scher Majas üpp'ge Schar,
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Die dunkle Ros' im schwarzen Haar,
91
Von blühnden Knaben dargestellt,
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Die trüglich volle Brust geschwellt:
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Das drängt sich durch und bleibet stehn
94
Und wendet sich im Weitergehn
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Mit Scherzen hier und dort mit Schlägen,
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Wenn sich zu grober Witz will regen.
97
Zuletzt mit Fiedel, Horn und Baß
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Schnurrt es vertraulich durch die Gaß,
99
Vom Elsaß und vom Schwabenland
100
Die Bauernhochzeit wohlbekannt.

101
Und alles woget kunterbunt,
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Verworren noch zu dieser Stund,
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Und jeder strengt sich eifrig an,
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Daß er das einzle sehen kann,
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Eh später es der große Zug
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Zu flüchtig ihm vorübertrug.
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Da gilt es nun zu preisen
108
Das Wandern und das Reisen
109
Der Landesart in alle Welt,
110
Die solch ein Bild zusammenstellt;
111
Denn leicht wird hier und dort erkannt
112
Gar manches echte Prunkgewand:
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Des Scheiches Mantel goldbestickt,
114
Er ward aus Syrien hergeschickt;
115
Des Japanesen Doppelschwert,
116
Des Mandarinen Drachenkleid
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Und seiner Liebsten Staatsgeschmeid,
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Es brachten's unsre Söhne wert,
119
Heimkehrend über manches Meer;
120
Aus mexikan'schen Bergen her
121
Stammt dort der Sattel silberreich
122
Und was der Señor schlank und bleich
123
Von fremder Tracht am Leibe trägt;
124
Echt ist auch, was da unbewegt
125
Der Kurde läßt an Waffen
126
Bewundern und begaffen.
127
Lang ist der letzte schon enteilt
128
Zum Sammelplatz, und harrend weilt
129
Des Volkes farblos dunkles Meer;
130
Da plötzlich, wie die Sonne hehr
131
Aufgeht, erschallt Fanfarenton,
132
Die Menschenflut bewegt sich schon
133
Und lichtet ordnend eine Bahn,
134
Und langsam zieht das Fest heran.

135
Da kommt es nun, da ist es nun!
136
Jetzt kann das Auge satt sich ruhn
137
Auf Farbe, Glanz und Wohlgestalt;
138
Beglückt ist, wer im Reihen zieht
139
Und wer am Wege steht und sieht.
140
Das ist des Augenblicks Gewalt,
141
Der läßt, als wär er erst das Leben,
142
Den Sinn in seinem Banne schweben,
143
Indes er rasch vorüberrinnt
144
Und unversehns ein End gewinnt.

145
Fern ist der Lärm, die Straße leer,
146
Drauf schleicht die Sorge still einher,
147
Des Menschen traute Muhmenfrau
148
In Kapp und Schleiern spinnegrau,
149
Doch dem, der sie sein eigen nennt
150
Und wie den eignen Atem kennt,
151
Bin zieres Weiblein, weiß und fein,
152
Das, was da wird, schafft ganz allein
153
Mit dir bei leisem Sternenschein.

154
Zur Stund jedoch läßt man sie stehn,
155
Es will das Volk sie nicht besehn;
156
Der letzte läuft gar eilig fort,
157
Sie bleibt allein am stillen Ort,
158
Sitzt auf ein hölzern Bänklein nun
159
Und denkt: Man kann ein Schläflein tun!
160
Sie hüllt das Haupt in ihr Gewand
161
Und schlummert ein, den Stab zur Hand.

162
Die Sorge schläft, der Abend sinkt,
163
Und neue Lust den Scharen winkt;
164
Denn als die kühlern Lüfte wehn,
165
Ruft dort, wo hoch die Linden stehn,
166
Auf räum'gem Bühel, dessen Fuß
167
Bespült der grüne Limacus,
168
Ein nächtlich Mahl zur Stelle,
169
Wo Meister und Geselle
170
Durch die Jahrhunderte entlang
171
Erhuben schon den Becherklang.
172
Das ist der schönste Bürgersaal;
173
Vom Himmel flimmert sanft der Strahl
174
Der alten Sterne hoch herein,
175
Und Lindenblüte schwimmt im Wein.

176
Gelagert hat die Freude sich;
177
Auch jenes graue Weiblein schlich,
178
Das sich indes ermuntert hat,
179
Herbei zur bunten Lagerstatt.
180
Sie drängt sich zwischen Mann und Mann,
181
Rührt leise den und jenen an;
182
Der zuckt die Schulter halb bedacht,
183
Doch nimmt sich weiter nicht in acht;
184
Der schaut im Glas ihr Angesicht,
185
Führt's träumerisch zum Munde dicht,
186
Und in sich selbst versunken
187
Hat er den Wein getrunken.
188
Kein Ohr ist, das sich borge
189
Dem leisen Ruf der Sorge,
190
Kein waches Aug zu finden;
191
Der dunkle Dom der Linden
192
Summt wie ein großes Bienenhaus,
193
Wo Sang und Klang schwirrt ein und aus.

194
Da, horch, erdröhnt das Feuerhorn!
195
Und wie der Wind sich dreht im Korn,
196
Wend't alles Volk den Kopf herum;
197
Die Spieler und das Publikum,
198
Was oben schmaust, was unten steht,
199
Am Strand und auf den Brücken geht,
200
Kehrt mit erschreckt neugier'gem Sinn
201
Den Blick nach
202
Grad überm Fluß ragt, in sich fest
203
Verschränkt, ein altes Häusernest
204
Mit Treppleinwerk und Holzgesperr,
205
Ein Dachgewirr hoch drüber her;
206
Der braune Rauch quillt draus hervor,
207
Und schon schlägt auch die Flamm empor;
208
Aus Fenstern, Löchern, Luken
209
Sieht man sie glühn und zucken,
210
Bis breit die Feuerkrone sitzt,
211
Darin es knattert, loht und blitzt;
212
Sie wirft den taghell roten Schein
213
Hinüber in den Lindenhain,
214
Wo Tisch und Glas verlassen steht
215
Und keines Gastes Kleid mehr weht;
216
Denn jeder weilt schon eingereiht
217
Am Ort, wo seine Pflicht gebeut.
218
Sie sind, so wie sie waren,
219
Zur Lohe hin gefahren,
220
Und einer schaut den andern an,
221
Wie er so seltsam angetan.
222
Nie sah man solchen Mummenschanz
223
Sich tummeln in des Feuers Glanz
224
Mit raschem Tun und Schaffen.

225
Hier schleppen dunkle Pfaffen
226
Langbeinig Bett und Kasten fort,
227
Und starke Nonnen tragen dort
228
Mit rauhem Ruf die Leiter her
229
Und richten sie, die schwank und schwer,
230
Mühsam empor; mit langem Schlauch
231
Ein perlbesäter Hindumann,
232
Der Maharadja, klimmt hinan
233
Und schwindet hoch in Qualm und Rauch.
234
Am Ufer schöpft australisch Volk
235
Vereint mit dem Kosakenpolk;
236
Die bräunliche Zigeunerin
237
Fährt mit dem Windlicht her und hin,
238
Sie schlägt den dicken Mönch aufs Ohr,
239
Der sie zu müß'gem Scherz erkor,
240
Und schickt ihn zu den Spritzen;
241
Tscherkessenhelme blitzen,
242
Und mit den kahlen Köpfen
243
Und rückenlangen Zöpfen
244
Tun dort Chinesen enggeschart
245
Des Pumpwerks Arbeit heiß und hart.
246
So schießt von allen Seiten bald
247
Das Wasser in den Flammenwald
248
Und stirbt in seiner wilden Glut,
249
Das klare Labsal hold und gut.

250
Doch seht! auf höchstem Giebel ragt
251
Ein Wendrohrführer unverzagt:
252
Der Irokes' mit roter Haut,
253
Den grauslich man von unten schaut!
254
Der Bäcker ist's von Unterstraß,
255
Ein lust'ger Mann voll Schwank und Spaß;
256
Wenn er im Herbst den Neuen trinkt
257
Und der ihn gar zu trübe dünkt,
258
Bringt ihm die Zipfelmütz Gewinn:
259
Er zieht sie nieder bis zum Kinn,
260
Trinkt durch die Maschen dann getrost
261
Und nennt es seigen seinen Most;
262
Stumm sitzt er da, dem Fremdling graut,
263
Der den verkappten Zecher schaut.
264
Auch wie ein Frosch, ein grüner Mann,
265
Sagt man, daß jener hüpfen kann
266
Auf gradem Strich die Dielen lang
267
Und quakt und quirlt den Froschgesang;
268
Dann bellt er wie ein heisrer Fuchs,
269
Bewegt die Ohren als ein Luchs;
270
Mit feiner Kinderstimme singt
271
Er Schelmenliedlein, leicht beschwingt,
272
Und klemmt die Äuglein froh gelaunt,
273
Wenn lachend ihn die Welt bestaunt.

274
Jetzt, mit dem Element im Kampf,
275
Verbirgt ihn bald der krause Dampf,
276
Bald steht er schwarz im hellen Schein
277
Auf kräftig ausgespreiztem Bein;
278
Umstoben von der Funkenglut,
279
Lenkt er des Wassers Silberflut
280
Und schleudert mächtig Strahl auf Strahl
281
In den empörten Flammensaal.
282
Sein indian'scher Kriegerschmuck
283
Erzittert vom gewalt'gen Druck,
284
Der Geierfittich schräg im Schopf
285
Raucht halb versengt auf seinem Kopf.
286
Das ist ihm nun die wahre Lust,
287
Ein Jauchzer steigt aus seiner Brust
288
Hoch über allen Lärm und Drang.

289
Zugleich ertönt ein andrer Sang:
290
Das Angstgeschrei erheben
291
Bedrohte Menschenleben,
292
Ein Schrei zuerst – dann gellt es fort
293
Markschütternd am verlaßnen Ort,
294
Im Gassenwinkel, wo der Glast
295
Ein dunkles Fensterloch umfaßt
296
Und drin ein rotes Pünktlein schwimmt,
297
Ein einsam Lämpchen irrend glimmt.
298
Kaum ist die Leiter dort getürmt,
299
Des Todes Warte rasch erstürmt,
300
So ruft es hier vom höchsten Sitz
301
Um Hilf in all den Menschenwitz,
302
Der unten dicht und emsig schwärmt
303
Und selber nun voll Schrecken lärmt.

304
Zwei fremde Männer, wohlbestellt,
305
Die friedsam wandernd sich gesellt,
306
Die Sommerfrische zu begehn
307
Und auch das Fest am Weg zu sehn,
308
Die ruhten da behaglich aus
309
Im wirrgebauten Herbergshaus,
310
Und ihr bescheidenes Quartier
311
Ragt oben an die Wolken schier.
312
Wie nun das Haus von innen brennt,
313
Sind sie von aller Welt getrennt.
314
Vergessen liegen sie im Traum:
315
Von einem blitzzerspellten Baum
316
Voll Angst der eine träumt, derweil
317
Der andere mit banger Eil
318
Auf einem glatten Eise flieht,
319
Das krachend er zersplittern sieht.
320
Sie wachen auf, ganz sinnverstört
321
Vom Knall und Schall, den sie gehört;
322
Noch zittert das Gemach vom Klang:
323
Es hat ein starker Wasserstrang
324
Das Fenster eingeschlagen.

325
Und eh sich ihre Blicke fragen,
326
So klappert auch die Tür im Schloß,
327
Wie wenn ein später Schlafgenoß
328
Mit Rütteln gröblich Einlaß heischt;
329
Sie sperren auf – Entsetzen kreischt
330
Aus bleichem Mund, es starrt das Haar,
331
Denn wo unlängst die Treppe war,
332
Rollt eine Säule Rauchs empor,
333
Aus der die Flammenzunge sticht;
334
Ein Feuerriese von Gestalt,
335
Scheint's aus dem Abgrund aufgewallt,
336
Sich lagernd vor die Schwelle dicht.
337
Sie werfen zu das schwache Tor
338
Und schieben flugs den Riegel vor,
339
Denn schreckenvoll war das Gesicht!
340
Und wieder rüttelt an der Tür
341
Der Hauch der Glut mit Ungebühr.

342
Was noch vom Fensterwerk bestand,
343
Reißt auf nun bebend ihre Hand;
344
Sie lehnen angstvoll sich hinaus,
345
Da faßt sie gleich ein neuer Graus!
346
Ein breit Gesims versperrt dem Blick
347
Den Weg nach unten und zurück.
348
Sie schrein erbärmlich, ungesehn,
349
Bis jene, die entfernter stehn,
350
Erschaun die bittre Not der zwei
351
Und wo ertönt das Hilfsgeschrei.
352
Nun rauscht es unten stärker auf
353
Vom Rufen, Hin- und Hergelauf.

354
Je größer die Gefahr zur Frist
355
Und schwieriger die Rettung ist,
356
Schwillt brausender es durch die Reihn:
357
Soll wie in einer Narrenstadt,
358
Die weder Witz noch Sitte hat,
359
Der Fremdling schmählich untergehn
360
Und seine Sippe klagend schrein:
361
Hätt dieses Nest er nie gesehn –?

362
Mitnichten! Denn schon eilt herbei
363
Die Schar der edlen Steigerei,
364
Das Auge kühn und ungetrübt,
365
In neuen Künsten wohlgeübt,
366
Bewehrt, gegürtet schlank und schlicht,
367
Vor jeder Brust ein leuchtend Licht!
368
Ergraut schon ist ihr Obermann,
369
Der sechzig Jahre zählen kann,
370
Ein Herr, ein sogenannter
371
Und jugendlich gewandter,
372
Von der Muralti altem Haus;
373
Vornehm und ruhig sieht er aus.
374
Ein Leiterbau wird aufgericht't,
375
Ein schwanker, bis er ebner Schicht
376
Fast zum verlornen Fenster trägt;
377
Doch jenem scheint vom Tageslauf
378
Die wackre Mannschaft aufgeregt,
379
Drum steigt er wohlbedacht vorauf
380
Und klimmt zum obersten Geschoß
381
So rüstig, wie ein Lenzgenoß
382
Zu Berge steigt im Sonnenschein.
383
Und mit ihm steiget Glied an Glied
384
Fritz Waser auf, der Messerschmied,
385
Der schon sich Brau und Hand verbrannt,
386
Als er den Feind im Haus berannt.
387
Der eine alt, der andre jung,
388
Tun sie den gleichen schweren Schwung
389
Und schwingen mutig sich hinein,
390
Wo die zwei Wandrer, starr wie Stein,
391
Lautlos in Wolken Rauches stehn.
392
Die wissen nicht, wie es geschehn,
393
Daß die Errettung treulich nah;
394
Wie lieblich tönt den Männern da,
395
Als Hoffnung schon verloren,
396
Der Heilsruf in den Ohren!

397
Ein hanfner Schlauch wird festgehakt,
398
Das Wallerpaar frisch eingepackt,
399
Und hurtig reisen sie zu Tal.
400
Ein Freudenschall die Luft durchzieht,
401
Da man im schwebenden Kanal
402
Das Eingeschobne fahren sieht,
403
Und fröhliches Gelächter schwellt
404
Des Volkes Brust; behutsam stellt
405
Es auf die Beine rund und heil
406
Die zitternden Gestalten.
407
Ein Ritter erst und dann ein Graf
408
Vom kaiserlichen Land Tirol
409
Entstiegen so dem dunklen Hohl,
410
Um zu entgehn dem Todesschlaf,
411
Und des Geschickes Walten
412
Jetzt fromm zu loben ist ihr Teil.
413
Und wie sie sprachlos aufwärts schaun,
414
Betrachten sie mit Lust und Graun,
415
Der sie entflohn, die Höllenglut
416
Und denken mit befreitem Mut
417
An Weib und Kind und Heimatland;
418
Auch preisen sie nun mit Verstand
419
Die Zucht und Ordnung dieser Stadt
420
Und werden nicht des Preisens satt.
421
Die guten Bürger hören gern
422
So weises Wort der fremden Herrn
423
Und hätten fast indessen
424
Das Löschen drob vergessen.

425
Doch nun geschieht der letzte Kampf;
426
Erstickend stirbt im Wasserdampf
427
Und zischend wie ein böser Drach
428
Das rote Feuer allgemach,
429
Bis friedlich herrscht die Ruh der Nacht
430
Und mit der Sorge ganz allein
431
Bei leiser Sterne Zitterschein
432
Weit über Stadt und Türmen wacht.

433
Befriedigt ruhn die Männer aus
434
Beim Labetrunk in manchem Haus,
435
Durchnäßt, ermüdet und berußt:
436
Das war das End der Bürgerlust.

437
Wie viele Jahre sind dahin!
438
Mir liegt der bunte Tag im Sinn
439
Wie an der Jugend fernem Saum
440
Ein halbvergeßner Junitraum.

441
Der Meister Heinrich lobesan,
442
Der immerfrohe Bäckersmann
443
Mit seiner Mütz und der Muralt:
444
Sie sind schon längst dahin gewallt,
445
Von wannen keiner wiederkehrt
446
Und keine Botschaft man erfährt.
447
Nur Waser glüht den Stahl noch hart,
448
Und stahlgrau ist sein langer Bart!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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