Prolog

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Gottfried Keller: Prolog (1854)

1
Man sagt, daß in der Völkerschlacht,
2
Wo donnern Stück und Wagen,
3
In schmelzenden Gesanges Pracht,
4
Als wär der schönste Lenz erwacht,
5
Die Nachtigallen schlagen.

6
In Busch und Baum die Schlacht entlang,
7
Verborgen in den Wettern,
8
Wetteifernd mit Drommetenklang
9
Und der Gefallnen Wehgesang,
10
Hört man die Triller schmettern.

11
Sie halten den Streit für Frühlingslust,
12
Den Tod für holdes Minnen,
13
Sind keiner Sorge sich bewußt –
14
Da fährt das Blei durch ihre Brust
15
Und reißt das Nest von hinnen.

16
So war's, als des Jahrhunderts Tor
17
Aufsprang mit ehrnen Pforten,
18
Ein roter Morgen trat hervor,
19
Mit ihm ein endlos langer Chor
20
Von blutenden Kohorten.

21
Was tausendjährig, sank in Staub
22
Wohl unter ihren Schritten,
23
Und Glück und Staub des Cäsars Raub,
24
Er selber dann wie falbes Laub
25
Knirscht' unter des Siegers Tritten. –

26
Da saß ein stiller Mann im Land,
27
Dem war Gewalt gegeben,
28
Zu wirken mit gefeiter Hand
29
Ein tausendtönig Zauberband
30
In das empörte Leben.

31
Er goß des Wohllauts süßen Wein
32
Aus über die Wogenheere;
33
Mocht noch so laut die Brandung schrein,
34
Doch stärker klang sein Spiel darein,
35
Wie Orgelton am Meere.

36
Nicht sorglos wie die Nachtigall
37
Hat er sein Lied gesungen;
38
Es war der großen Klage Schall,
39
Die Menschenherz und weites All
40
Geheimnisvoll durchdrungen.

41
Der Klage, die mit höchster Kraft
42
In Freude dann sich wendet
43
Und die, den Sternen kühn entrafft,
44
Den letzten Kranz der Meisterschaft
45
Dem sel'gen Sänger spendet.

46
Vorüber zogen hundert Jahr,
47
Seit er ans Licht geboren;
48
Hin ist die Welt, die mit ihm war –
49
Noch wandeln seine Sterne klar
50
Im Äther unverloren.

51
Noch hallt sein unsichtbares Haus
52
Und klingt von Meer zu Meere,
53
Und wieder haust des Sturmes Graus,
54
Geharnischt führt der Tod hinaus
55
Zahllose Völkerheere.

56
Ein Cäsar liegt – mit goldner Zier
57
Wird sich der Deutsche krönen;
58
Sein Donner grollt – doch ferne hier
59
In goldnem Frieden lassen wir
60
Des Zaubrers Lied ertönen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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