Schütz im Stichfieber

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Gottfried Keller: Schütz im Stichfieber (1859)

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»geh, gewinn mir Geld ins Haus!«
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Sprach das böse Weib zum Schütz;
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Er gewann, in Saus und Braus
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Bracht er's durch, der gute Schütz;
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Denn er dacht: Noch mancher Schuß
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Bleibt mir für das böse Weib,
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Bleibt mir für den Hausverdruß –
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Jetzo gilt's dem Zeitvertreib!

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Becher, Uhr und blankes Geld,
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Alles schlug er durch, der Schütz,
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Manchen Beutel leert' der Held,
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Stets gewann er neu, der Schütz,
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Schenkt' die Uhr der schönen Dirn
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Recht zum Hohn dem bösen Weib;
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In den Bechern klar und firn
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Perlt' der Wein zum Zeitvertreib.

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Also trieb er's Tag und Nacht,
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Bis zu End das große Fest
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Und die bittre Reu erwacht,
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Weil er denkt ans Drachennest,
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Wo der böse Drach ihm haust,
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Der nur Gold und Silber frißt;
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Und dem guten Schützen graust,
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Da er die Gefahr ermißt.

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Blieb ihm noch ein Schuß zur Hand
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Und noch zehn Minuten Zeit
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Für den Stich ins »Vaterland« –
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Ach, wie scheint die Scheibe weit!
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Hell vom Tempel blinkt der Gruß
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Goldgefüllter Silberschal':
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Sie gewinn ich, weil ich muß,
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Denn es bleibt mir keine Wahl!

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Vater Tell im Himmelszelt!
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Biedrer Schütz in Gottes Schoß!
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Lenk dein Falkenaug zur Welt,
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Hilf mir, denn die Not ist groß!
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Mach den Willen fest und frei,
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Reglos sicher meine Hand!
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Sind die Zeiten denn vorbei,
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Da man Meisterschüsse fand?

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Und er schlägt bedächtlich an,
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Zielet lang, der gute Schütz.
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Was verwirrt ihm Sinn und Plan?
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Setzt er ab, der gute Schütz?
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Und er starret bleich und fremd,
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Starret sprachlos nach der Scheib' –
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Denn im roten Zeigerhemd
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Sah er gaukeln dort sein Weib.

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Niemand sah's als er allein,
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Und er sieht's, sooft er zielt!
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Macht's die Angst? ist es der Wein,
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Der ihm das Gehirn bespült?
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Zweimal, dreimal schlägt er an,
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Zitternd stark am ganzen Leib –
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Immer tanzt auf grüner Bahn
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Grad im Schuß das rote Weib.

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Und die Sippe kommt zur Stell,
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Freunde, Vettern ringsherum,
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Büchsenmeister und Gesell,
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Lader, Warner grad und krumm!
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Ei welch ein berühmter Schütz,
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Der so viel Klienten hat,
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Die ihm dienlich sind und nütz,
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Jeder gibt ihm guten Rat.

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Dieser untersucht das Schloß,
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Jener dreht ein Schräubchen an,
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Der gebietet Ruh dem Troß,
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Und ein andrer spannt den Hahn,
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Und der fünfte flößt ihm Mut,
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Doch der sechste stellt sich bang,
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Und der siebte hält den Hut
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Vor den Sonnenuntergang!

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Endlich doch ermannt er sich,
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Zielt in Wut, der gute Schütz,
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Und die Freunde, feierlich,
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Sie umstehn den kühnen Schütz.
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Und er sieht das böse Weib,
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Schließt die Augen – sei's, weil's muß!
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Und er drückt – fort ist das Weib,
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Und zum Teufel ist der Schuß!

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Eben dröhnt Kanonenknall,
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Feierabend Schütz und Rohr!
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Tausendfacher Gläserschall!
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Klangvoll schließt des Tages Tor!
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Klanglos mit gebeugtem Mut
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Heimwärts wallt der arme Wicht –
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Sich zur Freude schoß er gut:
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Für den Geiz gelang's ihm nicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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