Ufenau

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Gottfried Keller: Ufenau (1858)

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Hier unter diesem Rasengrün,
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Wo wir in Jugend stehn,
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Da liegt ein Ritter frei und kühn,
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Wie keiner mehr zu sehn!
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Er floh herein vom Röm'schen Reich,
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Trug einen Lorbeerkranz,
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Das Antlitz zorn- und kummerbleich,
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Das Aug voll Sonnenglanz!

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Und wo die Well' den Blumenstrand
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In holder Minne küßt,
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Warf er sein Schwert auf sichres Land
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Und rief: Sei mir gegrüßt!
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In schwerer Not sank er dahin,
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Zerbrochen das Gebein;
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Doch glühte noch sein starker Sinn
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Im Tod wie junger Wein.

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Nun weht sein Schatten um uns her,
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Nun ruft sein Geist uns zu:
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»ich war ein Schiff auf wildem Meer,
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Ich kannte keine Ruh;
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Ihr wißt, was ich gestritten hab
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Und was gelitten auch;
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Doch stieg' ich nochmals aus dem Grab,
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Übt' ich den gleichen Brauch!

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Die Qual verfliegt, die Sorg ist klein,
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Nun bin ich unbeschwert;
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Die besten Freunde nannt ich mein
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Und fand mich ihrer wert!
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Ihr lieben Brüder, wagt es nur
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Und acht't die Not gering!
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Das Elend zeigt die goldne Spur,
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Wo sich ein Held erging!«

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Du lichter Schatten, habe Dank!
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Gut sprach dein kühner Mund!
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Und wem der Sinn von Zweifel krank,
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Der wird an dir gesund!
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Wie diese lustige Silberflut
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Dein Grab so hell umfließt,
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So uns dein nie geschwundner Mut
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Das frohe Herz erschließt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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