Die Gräber

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Gottfried Keller: Die Gräber (1854)

1
Zwei Gräber waren auf der Heide,
2
Von Immortellen ganz bedeckt.
3
Ein schönes Weib mit schwerem Leide
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Lag auf dem einen hingestreckt;
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Das andre hielt mit bittern Tränen
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Ein trauervoller Mann bewacht,
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Und beide sahn mit Liebessehnen
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Hinauf zur hellen Frühlingsnacht.

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»in jenen heil'gen Ätherfernen
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Harrt nun die liebste Seele mein,
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Bald werd ich unter goldnen Sternen
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Auf ewig, ewig bei ihm sein!
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Als einen Hauch und Seufzer zähle
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Ich noch die kurze Spanne Zeit;
15
Dann aber sind so Lieb wie Seele
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Ganz der Unendlichkeit geweiht!« –

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»o kreiset rascher, träge Sonnen,
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Und löset dieses Leibes Bann,
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Daß ich befreit in neuen Wonnen
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Mein selig Liebchen finden kann!
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Heil mir! Ich will sie wiedersehen!
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Und ob auch Stern um Stern zerbricht,
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In Ewigkeit wird nie vergehen
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Zwei treuer Seelen Bund und Licht!«

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So riefen Weib und Mann, so beide,
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Ganz in den eignen Gram gebannt;
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Sie sahn sich nicht auf dunkler Heide,
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Die Blicke himmelwärts gewandt.
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So trauerten sie, bis der Morgen
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Erröten hieß der Wolken Schar,
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Im Ätherblau das Gold verborgen
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Und lichter Tag auf Erden war.

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Da rafften sie sich auf und gingen
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Entlang das schimmernde Gefild,
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Bis plötzlich ihre Augen hingen
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Eins an des andern schönem Bild.
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Und eh der junge Tag, der warme,
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Die letzten Tränen weggeküßt,
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Schon fielen lächelnd in die Arme
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Sich beide, Leid in Lust gebüßt.

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Der Enkel Trupp mit festen Händen
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Auf selber Heid im Sonnenschein
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Sieht pflügen man und singend wenden
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Ein längst verschollenes Gebein.
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Sie decken rasch, was sie gefunden,
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Mit jungen Saaten, im Gemüt
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Leis ahnend, daß die eignen Stunden
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Aus diesem Tode nur erblüht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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