An Frau Ida Freiligrath

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Gottfried Keller: An Frau Ida Freiligrath (1854)

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So ist es doch betrübt zu klagen,
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Wenn deutsche Mütter den Rhein hinab,
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Hinab und über des Meeres Grab
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Die zarten Wickelkindlein tragen
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Nach freier Länder Gestaden hin,
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Indes die Männer auf weiten Wegen,
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Getrennt, bekümmert zum Ziele fliehn!
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Ich streue meinen leichten Segen,
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Fast trauernd, in dein Frauenherz:
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Fahr glücklich denn rheinniederwärts
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Und finde Leut in allen Reichen,
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Die gute Milch dem Kindlein reichen,
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Und auf den Schiffen, wenn es schreit,
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Ein Publikum, das ihm verzeiht!
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Des Reimes wegen, als ein Schweizer,
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Wünsch ich dir einen nüchternen Heizer,
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Der da vorsichtig, sanft und lind
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Das Schiff dich tragen läßt mit dem Kind.
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Ich wünsche, daß alles, was sehenswert,
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Die schönste Seite zu dir kehrt,
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Vor deinen Fuß frisch Rasengrün,
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Dem Auge freundlicher Sterne Glühn,
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In deine Hände weißes Brot
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Und alle Tag Morgen- und Abendrot!
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Derweil sei deinem Mann der Wein
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Allüberall süß, stark und rein!

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Und weil die Guten dieser Erden
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Noch lange Tage wandern werden,
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So mache die Ferne das Herz euch satt
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Mit allem Besten, was sie hat!
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Sie fülle freundlich euch die Truh
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Und geb euch leichte Sorgen am Tag,
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Des Abends Nachtigallenschlag,
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Zur Nachtzeit aber die goldene Ruh;
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Des Sommers Frucht, des Frühlings Zier,
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In England immer vom besten Bier,
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Den Fisch im Wasser, den Vogel der Luft,
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Nur keinen Boden zu einer Gruft:
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Denn in der Heimat sollt ihr sterben
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Und euren Kindern die Freiheit vererben!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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