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Gottfried Keller: 1 (1854)

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Laut stürmt der Schall der Glocken durch die Nacht,
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Und Schüsse dröhnen von des Berges Wacht;
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In allen Gassen tönt's: es brennt! es brennt!
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Und jeder angstvoll an sein Fenster rennt.

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Der erste Blick: ist es in unserm Haus?
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Der zweite mindert schon den Schreck und Graus,
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Wenn weit, o weit die »furchtbar schöne« Glut
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Behaglich dort am fernen Himmel ruht.

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Nun strömt der Neugier Bächlein ungehemmt,
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Und ungewaschen wohl und ungekämmt,
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Der ohne Strümpfe, jener ohne Schuh',
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Läuft alles dem willkommnen Schauspiel zu.

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Und manchem ehrlichen Philister bangt,
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Es könnte enden, eh er angelangt;
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Auch der Poet, er watschelt mit hinaus
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Und sendet seinen Kennerblick voraus.

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Da wallt vom Berg mit ungebrochnem Lauf
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Die rote Lohe hell zum Himmel auf;
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Von Feuerlilien ein gewalt'ger Strauß:
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So blüht und glüht das große Bauernhaus.

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Es ist die allerschönste Maiennacht;
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Von Gold durchwirkt, tiefblau der Himmel lacht.
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Eng zwischen Gärten ganz im Frühlingsflor
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Zu Feuers Hofstatt führt der Weg empor.

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Da sitzt der helle Geist auf seinem Raub
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Und macht den morschen Kram zu Asch und Staub;
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Umsonst belästigt ihn der Menschenschwarm,
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Er wehrt ihn ruhig ab mit glühndem Arm.

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Es brennt der Hof dem reichen Bauersmann,
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Der nie genug sehn und erraffen kann;
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Längst hat der Sohn ein neues Haus begehrt,
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Wogegen sich der Alte stets gewehrt.

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Nun steht er da und schlottert jämmerlich,
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Weiß nicht zu raten noch zu helfen sich;
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Doch alle sind in guter Sicherheit,
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Kein Nachbarhaus gefährdet weit und breit.

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Drum laßt uns keck ein wenig näher gehn,
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Die heiße Wirtschaft besser zu besehn,
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Zu lesen in des Feuers Angesicht
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Und was es heimlich mit den Sternen spricht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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